Blau, grau, schwarz sind alle meine Kleider…

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Zugegeben: Besonders farbenfroh ist Kleidung im Dresscode der Business-Klasse nicht. Aber haben Sie sich schon einmal gefragt, warum das so ist? Welchem ungeschriebenen Gesetz folgt der Hang zu gedeckten Tönen eigentlich? Und warum ist die Nuance eines Anzuges umso dunkler, je höher die firmeninterne Position seines Trägers ist?

Um das herauszufinden, muss das Rad der Geschichte um viele Jahrhunderte zurückgedreht werden, denn die als „typisch“ geltenden Farben der Berufsbekleidung haben eine historisch gewachsene Bedeutung. Sie basieren auf teilweise noch immer geltenden Symbolen verschiedener Zünfte und wurden von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Viele der dabei verwendeten Farbtöne wurzeln im kulturellen Empfinden und üben auf den Betrachter eine entsprechend psychologische Wirkung aus.



Diese kommt besonders bei schwarzer Kleidung zum Tragen. In Europa gemeinhin als Zeichen der Trauer bekannt, erfordert sie vor allem eins: Respekt! Und genau auf diesen Effekt zielt die dunkelste aller Farben auch im Berufsleben ab. Sie vermittelt ein Höchstmass an Seriosität und Verantwortungsbewusstsein. Das im Bestattungswesen häufig anzutreffende Schwarz ist also weniger ein Zeichen geteilten Leids als vielmehr Ausdruck von Sachlichkeit und Kompetenz. Jener Bedeutung folgend findet es sich auch bei Angestellten des – in der Regel diskret agierenden – Hotel- und Gaststättengewerbes sowie bei – im besten Falle Respekt einflössenden – Mitarbeitern des Wach- und Sicherheitsdienstes.

Die Verwendung von Schwarz als Ausdrucksmittel für fachliche Leistung geht auf das älteste Gewerk der Welt zurück – die Holzverarbeitung. Das Konstruieren eines Gefaches oder eines Dachstuhls erforderte nicht nur Kraft und Geschick, sondern auch Kenntnisse in Statik, Materialkunde und ähnlichen Bereichen. Unterlief dem ausführenden Handwerker hierbei ein Fehler, konnte das den späteren Bewohner des Hauses neben Hab und Gut auch leicht das Leben kosten. Demzufolge galt der Beruf des Zimmermanns als besonders acht- und ehrbar. Ob und in welchem Masse er fähig war, seine Arbeit auszuführen, liess sich schon an seinem Äusseren erkennen.

Bis heute demonstriert kaum eine andere Zunftkleidung das Können ihres Trägers so deutlich wie die Zimmererkluft: Neben der so genannten „Ehrbarkeit“ geben die Anzahl und Platzierung der Knöpfe sowie zahlreiche weitere Insignien Auskunft über die Erfahrung und die Arbeitseinstellung dessen, der sie trägt. Gleichzeitig wird eine Verletzung des Berufsethos‘ bei niemandem so deutlich sichtbar gemacht wie bei einem Zimmerer: Läuft er als „Schlitzohr“ durch die Gegend, ist ihm wegen fehlerhafter Arbeit oder unehrenhaftem Verhalten der mühsam erworbene Gesellen-Ring aus dem Ohrläppchen gerissen worden.

Mehr noch als die von Anfang an schwarze Kluft des Zimmermanns spiegelt die Kleidung des Schornsteinfegers wider, welche Bedeutung Farbe für das Ansehen und die Wertschätzung einer Person haben kann: Ihrer Zugehörigkeit zur steinverarbeitenden Zunft entsprechend trugen Kaminkehrer ursprünglich das gleiche Weiss wie Maler, Maurer und Stuckateure. Weil es durch unfachmännische Reinigung der Abgasschächte jedoch häufig zu lebens- und sachgefährdenden Bränden kam, unterlag ihre Tätigkeit schon bald einer spezifischen Ausbildung mit entsprechender Verantwortung. Diese wurde durch eine Änderung der Kleiderordnung sichtbar gemacht. Fortan war der beliebte Schornsteinfeger nicht nur durch die Ausübung seiner Arbeit geschwärzt, sondern auch zum Zeichen seines Könnens.



Als mildere Variante von Schwarz haben sich die Farben Braun und Grau in der Berufskleidung von Tischlern und Trockenbauern durchgesetzt. Tatsächlich ist mit den helleren Tönen auch weniger Verantwortung und Gefahr verbunden: Während die einen eine Gerüsthöhe von zwei Metern nicht überschreiten dürfen, hantieren die anderen mit wesentlich leichterem Baumaterial als ihre Maurer-Kollegen. Wen wundert es da, dass Braun und Grau als etwas fade gelten; immerhin aber Bodenständigkeit und Stabilität vermitteln.

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Eine ähnliche Wirkung erzielt auch die Farbe Blau. Als Basis zahlreicher Uniformen und natürlich des berühmten „Blaumanns“ bescheinigt sie ihrem Träger fachliche Kompetenz und Zuverlässigkeit. (Bild: Paul-Georg Meister / pixelio.de)




Eine ähnliche Wirkung erzielt auch die Farbe Blau. Als Basis zahlreicher Uniformen und natürlich des berühmten „Blaumanns“ bescheinigt sie ihrem Träger fachliche Kompetenz und Zuverlässigkeit. Inwieweit sich diese Symbolik auf die Pünktlichkeit von Handwerkern übertragen lässt, soll individuellen Erfahrungen vorbehalten bleiben. Im Businessbereich hat die sympathische Farbe ihre Aussagekraft jedenfalls behalten. Psychologisch gestützten Umfragen zufolge wird sie als umso vertrauenserweckender empfunden, je dunkler das Blau ist.



Aus dieser Erkenntnis lassen sich zwei grundlegende Aspekte ableiten: Zum einen sollten Beinkleider bei zweiteiligen Ensembles stets die gleiche oder eine kräftigere Nuance aufweisen als das Oberteil, denn dadurch suggeriert die Kombination Standfestigkeit. Zum anderen darf die eigene Kleidung den direkten Vorgesetzten niemals „übertönen“ — in der Firmenhierarchie unten stehende Personen müssen also immer (!) heller gekleidet sein als ihr Chef. Da Blau in dieser Hinsicht viel Spielraum lässt, hat es sich im Businessbereich als beliebteste und demnach am häufigsten getragene Farbe etabliert.

Dass diese sogar als ausgesprochen männlich gilt, ist einem Bedeutungswandel im frühen 20. Jahrhundert zu verdanken. Bis in die 1920-er Jahre hinein war dem so genannten starken Geschlecht nämlich das kraftstrotzende und kampfbereite Rot zugedacht. Den etwas schwächeren Knaben – die sich ja erst noch zum ganzen Mann entwickeln mussten – blieb folgerichtig ein abgemischter Ton vorbehalten: Sie trugen Rosa!

Spätestens an dieser Stelle wird klar: Gar zu genau sollten Sie die historische Bedeutung von Farben bei der Zusammenstellung Ihres Business-Outfits lieber nicht nehmen. Für einen kleinen Wissens-Check unter Kollegen oder als amüsanter Beitrag auf einer Firmenveranstaltung aber taugt Ihr neu hinzugewonnenes Wissen allemal…



 

Oberstes Bild: @ rangizzz – Fotolia.com

Über Christiane Dietering

Christiane Dietering hat eine handwerkliche, zwei kaufmännische und eine Autoren-Ausbildung absolviert. Sie arbeitet als freie Texterin, Rezensentin und Journalistin in den Themenbereichen Kunst und Kultur. Ihre Hauptauftraggeber sind Veranstalter von Musikaufführungen, Lesebühnen und Erotik-Events.



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