Möbel: Wie die Corona-Ära das Konsumverhalten in der Schweiz verändert hat

Die Corona-Ära veränderte in der Schweiz nicht nur Arbeitswege, Freizeit und Einkaufsmöglichkeiten. Weil sich ein grosser Teil des Alltags plötzlich zu Hause abspielte, erhielten Möbel, Wohnqualität und funktionierende Arbeitsplätze eine neue Bedeutung. Davon profitierte der Einrichtungsmarkt, während sich zugleich der Weg von der Produktsuche bis zum Kauf dauerhaft verschob.

Der damalige Boom lässt sich jedoch nicht mit einem einzigen Trend erklären. Homeoffice, geschlossene Geschäfte, eingesparte Ausgaben in anderen Lebensbereichen und ein beschleunigter Onlinehandel wirkten gleichzeitig. Nach dem Ende der Einschränkungen verschwanden einzelne Sondereffekte, doch viele während der Pandemie erlernte Kaufgewohnheiten blieben bestehen.

Das Zuhause wurde zum Mittelpunkt des Konsums

Vor 2020 mussten Wohnräume in erster Linie den privaten Alltag abdecken. Während der Pandemie wurden dieselben Flächen zusätzlich zum Arbeitsplatz, Unterrichtsraum, Fitnessbereich und zeitweise zum wichtigsten Freizeitort. Dadurch fielen unbequeme Stühle, fehlender Stauraum und schlecht nutzbare Raumecken wesentlich stärker auf.

Die Ausgaben wurden gleichzeitig neu verteilt. Nach Angaben des Bundesamtes für Statistik gingen die gesamten Konsumausgaben der privaten Haushalte 2020 gegenüber dem Vorjahr um 4,4 Prozent zurück. Besonders stark betroffen waren Gastronomie, Reisen, Veranstaltungen, Kleidung und andere Bereiche, die von Mobilität und geöffneten Betrieben abhingen.

Ein Teil der verfügbaren Mittel floss stattdessen in Produkte, die das Leben zu Hause angenehmer oder funktionaler machten. Dazu gehörten Schreibtische, Bürostühle, Regale, Sofas, Beleuchtung und Gartenmöbel. Die Einrichtung wurde nicht länger nur als dekorativer Hintergrund betrachtet, sondern als Infrastruktur für einen plötzlich veränderten Alltag.

Diese Verschiebung war nicht in allen Haushalten gleich stark. Einkommen, Wohnfläche, familiäre Situation und die Möglichkeit zum Homeoffice bestimmten, ob grössere Anschaffungen überhaupt infrage kamen. Der Möbelboom war deshalb gleichzeitig ein breites Marktphänomen und Ausdruck sehr unterschiedlicher Lebensrealitäten.



Der Schweizer Möbelmarkt erreichte eine seltene Trendwende

Nach einer damaligen Schätzung des Marktforschungsunternehmens GfK stieg der Umsatz mit Möbeln und Einrichtungsgegenständen 2020 in der Schweiz um 4,6 Prozent auf rund 5,48 Milliarden Franken. Zum Markt gehörten neben klassischen Möbeln auch Produkte wie Lampen, Teppiche und Bürotische. Damit wuchs die Branche erstmals seit zehn Jahren wieder.

Der Anstieg ist bemerkenswert, weil die stationären Geschäfte während Teilen des Jahres nur eingeschränkt zugänglich waren. Die Nachfrage verschwand nicht, sondern verlagerte sich zeitlich und auf andere Vertriebskanäle. Nach Wiedereröffnungen traf ein aufgestauter Bedarf auf Haushalte, die ihre Wohnungen inzwischen genauer analysiert hatten.

Gleichzeitig entstanden Lieferprobleme. Produktionsausfälle, knappe Transportkapazitäten und eine hohe internationale Nachfrage verlängerten bei einzelnen Materialien und Produktgruppen die Wartezeiten. Dadurch wurden Verfügbarkeit und Liefertermin zeitweise ähnlich wichtig wie Preis, Design und Materialqualität.

Die Pandemie machte zudem sichtbar, dass Möbel selten reine Spontankäufe sind. Masse, Nutzung, Transport, Montage und Rückgabemöglichkeiten müssen zusammenpassen. Wer einen Raum dauerhaft umgestalten wollte, benötigte trotz digitaler Produktsuche verlässliche Informationen und häufig weiterhin eine persönliche Beratung.


Mit dem Homeoffice wurde die Wohnung zur Arbeitsumgebung. Schreibtisch, Sitzmöbel, Licht und Stauraum mussten dadurch häufiger funktionale Anforderungen erfüllen.

Homeoffice schuf eine neue Möbelkategorie im privaten Alltag

Die ZHAW dokumentierte anhand des Covid-19 Social Monitors eine starke Zunahme der Arbeit von zu Hause. Im Frühlingslockdown 2020 stieg der Anteil der Angestellten, die ausschliesslich im Homeoffice arbeiteten, von einem auf 29 Prozent. Der Anteil der teilweise oder häufiger von zu Hause Arbeitenden nahm von 21 auf 54 Prozent zu.

Viele dieser Arbeitsplätze entstanden zunächst improvisiert am Esstisch, auf dem Sofa oder in einer freien Ecke des Schlafzimmers. Für wenige Tage erschien diese Lösung ausreichend. Mit zunehmender Dauer wurden fehlende Arbeitsfläche, ungünstige Sitzhöhen und die mangelnde Trennung zwischen Arbeit und Privatleben jedoch deutlich.

Dadurch wuchs die Nachfrage nach kompakten Schreibtischen, verstellbaren Bürostühlen, Rollcontainern und Regalen. Gefragt waren Lösungen, die sich in bestehende Wohnungen integrieren liessen, ohne dauerhaft einen ganzen Raum zu beanspruchen. Klappbare Arbeitsplatten und Möbel mit mehreren Funktionen erhielten zusätzliche Aufmerksamkeit.

Der Homeoffice-Effekt wirkt über die eigentliche Pandemie hinaus. Hybride Arbeitsmodelle sorgen dafür, dass ein privater Arbeitsplatz in vielen Haushalten weiterhin regelmässig genutzt wird. Wie sich Arbeits- und Gästefunktion auf begrenztem Raum verbinden lassen, zeigt der BELMEDIA-Beitrag über ein kombiniertes Gästezimmer und Homeoffice.


Digitale Recherche, Preisvergleich und Verfügbarkeitsprüfung sind beim Möbelkauf wesentlich selbstverständlicher geworden, auch wenn der Abschluss später im Geschäft erfolgt.

Onlinehandel wurde vom Zusatzkanal zum festen Bestandteil

Der Onlineanteil am Schweizer Möbel- und Einrichtungsmarkt erreichte 2020 gemäss der damaligen GfK-Auswertung rund 15 Prozent. Gegenüber dem Vorjahr entsprach dies einem Onlinewachstum von mehr als 70 Prozent. Für eine Branche, in der Materialgefühl, Sitzkomfort und Abmessungen eine wichtige Rolle spielen, war dieser Sprung besonders deutlich.

Geschlossene Verkaufsflächen zwangen auch zurückhaltende Konsumenten dazu, Möbel digital auszuwählen. Händler verbesserten Produktbilder, Masszeichnungen, Filter und Angaben zu Lieferzeiten. Gleichzeitig wurden telefonische Beratungen, Videotermine, digitale Raumplaner und kontaktarme Übergaben wichtiger.

Der Onlineboom bedeutete allerdings nicht das Ende des Einrichtungshauses. Eine Schweizer Befragung von moneyland.ch zeigte 2021, dass Möbel weiterhin überwiegend im Laden gekauft wurden. Die digitale Recherche gewann dennoch an Bedeutung, weil Preise, Varianten und Kundenbewertungen bereits vor dem Besuch verglichen werden konnten.

Nach den Lockerungen entstand daraus ein kombiniertes Kaufverhalten. Der Entscheidungsprozess beginnt häufig online, während Material, Farbe und Komfort im Geschäft geprüft werden. Umgekehrt lassen sich Produkte im Laden ansehen und später nach einer erneuten Prüfung der Masse online bestellen.

Mehr Informationen führten nicht automatisch zu einfacheren Entscheidungen

Die wachsende Zahl digitaler Angebote machte Möbel transparenter vergleichbar. Gleichzeitig erschwerten unterschiedliche Produktnamen, unvollständige Massangaben und stark bearbeitete Fotos die Beurteilung. Insbesondere Farben und Oberflächen können auf einem Bildschirm anders wirken als im Wohnraum.

Rückgaben sind bei grossen Möbeln aufwendiger als bei Kleidung oder kleinen Haushaltswaren. Transportkosten, Demontage und Originalverpackung beeinflussen, ob eine Retoure praktisch möglich ist. Während der Corona-Ära lernten deshalb viele Haushalte, vor der Bestellung genauer zu messen und Lieferbedingungen zu lesen.

Auch Kundenbewertungen gewannen an Gewicht. Sie liefern Hinweise zur Montage, Stabilität und tatsächlichen Farbe, ersetzen jedoch keine Materialprüfung. Bewertungen können unterschiedliche Erwartungen widerspiegeln und sollten deshalb gemeinsam mit technischen Angaben betrachtet werden.

Der digitale Möbelkauf förderte somit ein planvolleres Vorgehen. Grundriss, Türbreiten, Treppenhaus, Lift und vorgesehener Standort werden idealerweise vor der Bestellung geprüft. Diese Vorbereitung blieb als Gewohnheit bestehen, obwohl Einrichtungshäuser längst wieder ohne pandemiebedingte Einschränkungen zugänglich sind.


Lieferfähigkeit wurde während der Pandemie zu einem wichtigen Kaufkriterium. Verpackung, Transport und Montage rückten dadurch stärker in den Entscheidungsprozess.

Verfügbarkeit konnte wichtiger als die Wunschfarbe werden

Globale Lieferketten gerieten während der Corona-Ära unter erheblichen Druck. Fehlende Rohstoffe, eingeschränkte Produktionskapazitäten und Probleme im internationalen Transport führten bei einzelnen Möbeln zu langen Lieferzeiten. Ein Produkt im Lager erhielt dadurch einen Vorteil gegenüber einer individuell konfigurierten Bestellung.

Diese Erfahrung veränderte die Kommunikation im Handel. Bestandsanzeigen, Lieferfenster und Informationen über Teillieferungen wurden wichtiger. Konsumenten erwarteten zunehmend, schon vor dem Kauf zu erkennen, ob ein Möbel sofort verfügbar war oder erst nach mehreren Monaten eintreffen würde.

Gleichzeitig gewann die Selbstmontage weiter an Bedeutung. Zerlegte Möbel lassen sich effizienter lagern und transportieren, verlangen aber Werkzeug, Zeit und verständliche Anleitungen. Bei grösseren Schränken, Betten oder Wandbefestigungen blieb ein Montageservice für viele Haushalte die sicherere Lösung.

Die gestiegene Aufmerksamkeit für Transportwege führte teilweise auch zu einer stärkeren Nachfrage nach regionalen und Schweizer Produkten. Die Hochschule Luzern beobachtete während der Pandemie allgemein ein wachsendes Interesse an der Herkunft von Einkäufen. Bei Möbeln traf dieser Wunsch allerdings auf Preisunterschiede und begrenzte Produktionskapazitäten.



Wohnqualität wurde konkreter und funktionaler bewertet

Das deutschsprachige Video der Arbeiterkammer Österreich zeigt, wie sich ein Bildschirmarbeitsplatz ergonomisch einrichten lässt. Damit behandelt es einen Bereich, der während der Corona-Ära für viele Wohnungen neu relevant wurde. Ein Tisch und ein Stuhl bilden noch keinen geeigneten Arbeitsplatz, wenn Höhe, Abstand und Bewegungsraum nicht zusammenpassen.

Die intensive Nutzung der eigenen vier Wände veränderte auch den Blick auf andere Möbel. Ein Sofa musste längerem Aufenthalt standhalten, ein Esstisch mehrere Funktionen übernehmen und Stauraum den sichtbar gewordenen Platzmangel auffangen. Funktionale Mängel wurden schneller erkannt als in einem Alltag mit häufigerer Abwesenheit.

Darauf reagierten Händler und Hersteller mit flexibleren Produktkonzepten. Ausziehbare Tische, modulare Sofas, mobile Raumteiler und Möbel mit integriertem Stauraum passten zu Wohnungen, die mehrere Aufgaben erfüllen mussten. Nicht jede dieser Ideen war neu, doch die Pandemie beschleunigte ihre Verbreitung.

Eine multifunktionale Einrichtung verlangt trotzdem Prioritäten. Ein Möbel, das theoretisch fünf Aufgaben erfüllt, kann im Alltag in jeder einzelnen Funktion unpraktisch sein. Der BELMEDIA-Ratgeber über multifunktionale Raumplanung zeigt, weshalb die häufigste Nutzung die Grundordnung bestimmen sollte.

Nach dem Boom folgte eine Normalisierung

Der aussergewöhnliche Nachfrageanstieg konnte nicht unbegrenzt anhalten. Viele während der Pandemie gekaufte Möbel besitzen eine lange Nutzungsdauer und werden nicht nach wenigen Jahren ersetzt. Gleichzeitig kehrten Ausgaben für Reisen, Gastronomie und Veranstaltungen zurück.

Der Commerce Report Schweiz stellte für 2022 erstmals wieder rückläufige Onlineumsätze fest. Diese Entwicklung bedeutete keine Rückkehr zum Zustand vor 2020. Vielmehr normalisierte sich ein Markt, der zuvor durch Geschäftsschliessungen und aussergewöhnliche Lebensbedingungen beschleunigt worden war.

Zusätzlich beeinflussten Inflation, Energiepreise und sinkende Kaufkraft spätere Kaufentscheidungen. Preisvergleiche, Aktionen und eine klarere Unterscheidung zwischen notwendiger Ersatzbeschaffung und aufschiebbarem Wunschkauf gewannen an Bedeutung. Der Markt bewegte sich damit vom kurzfristigen Wohnboom zu einem vorsichtigeren Konsum.

Stationäre Geschäfte erhielten ihre Rolle als Ort für Beratung und Materialprüfung zurück. Digitale Kanäle blieben jedoch Teil des Entscheidungsprozesses. Die dauerhafte Veränderung liegt deshalb weniger in einem vollständigen Wechsel zum Onlinekauf als in der selbstverständlichen Verbindung beider Einkaufsformen.


Hybrides Arbeiten hält einen Teil der pandemiebedingten Nachfrage nach funktionalen Wohn- und Arbeitsmöbeln aufrecht, auch wenn der aussergewöhnliche Boom vorbei ist.

Was von der Corona-Ära geblieben ist

Die Pandemie hat den Schweizer Möbelmarkt nicht dauerhaft auf dem aussergewöhnlichen Niveau von 2020 gehalten. Sie veränderte jedoch die Erwartungen an Produkte und Händler. Lieferinformationen, digitale Produktdaten, flexible Nutzung und eine glaubwürdige Darstellung von Materialien gehören heute wesentlich stärker zum Kaufprozess.

Das Zuhause wird bewusster als veränderbare Infrastruktur betrachtet. Arbeitsmodelle, Familienphasen und begrenzte Wohnflächen können neue Anforderungen schaffen, ohne dass sofort ein Umzug möglich ist. Möbel sollen deshalb häufiger anpassbar, kombinierbar oder für mehrere Lebensphasen geeignet sein.

Auch die Trennung zwischen Online- und Offlinehandel ist weniger eindeutig geworden. Digitale Recherche kann zu einem Kauf im Geschäft führen, während eine persönliche Beratung mit einer späteren Onlinebestellung endet. Erfolgreiche Anbieter müssen beide Wege konsistent verbinden.

Die Corona-Ära wirkte damit vor allem als Beschleuniger bereits vorhandener Entwicklungen. Onlinehandel, Homeoffice und multifunktionale Einrichtung waren nicht neu, erhielten aber innerhalb kurzer Zeit eine andere Bedeutung. Für den Schweizer Möbelkonsum blieb ein stärker geplanter, informationsreicher und zwischen mehreren Kanälen wechselnder Entscheidungsprozess zurück.

 

Bildquellen: Titelbild: Depositphotos/fotosedrik; Bild 1: Depositphotos/DONOT6; Bild 2: Depositphotos/AndreyPopov; Bild 3: Depositphotos/DragosCondreaW; Bild 4: Depositphotos/samotrebizan

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