Berufsmesse Zürich: „Ich schraube. Ich backe. Also bin ich.“

23.11.2021 |  Von  |  Presseportal

Zürich (ots) –

Die Berufsmesse Zürich 2021 ist eröffnet. Hunderte von Schulklassen fluteten die Messehallen in Oerlikon. An der Eröffnungsfeier sprachen Regierungsrätin Silvia Steiner sowie Ludwig Hasler, Philosoph und Physiker, vom Wert der Berufsbildung. Doch im Zentrum der Messe mit über 90 Ausstellern und rund 240 Berufen stehen die Jugendlichen, das Ausprobieren und Entdecken. Von A wie Automatikerin bis Z wie Zimmermann.

Schon ab 8.30 Uhr waren die Hallen 1 und 2 auf dem Messeareal von einem summenden Grundrauschen Hunderter Schülerinnen und Schüler erfüllt: Die 16. Berufsmesse Zürich zog heute Morgen Tausende Oberstufenschülerinnen und -schüler sowie Lehrpersonen und überraschend viele Eltern mit ihren Kindern an. Zürich-Oerlikon wird während fünf Tagen zum Berufs-Hotspot.

„Noch nie kamen wir so gern hierhin wie heute“, meinte Thomas Hess, Geschäftsführer des KMU- und Gewerbeverbands Kanton Zürich (KGV), der die Berufsmesse Zürich gemeinsam mit der MCH Messe Schweiz (Zürich) AG organisiert. Die Berufsmesse sei ein integraler Bestandteil im Berufswahlprozess der Sekundarschülerinnen und -schüler. Dies auch dank der beteiligten Berufsverbände. Gewinner der Berufsbildung seien nicht nur die Lernenden und die Betriebe – sondern die ganze Gesellschaft.

Die Messeleiterin, Encarnación Maria Dellai, war sichtlich erfreut über die Wiederaufnahme der Veranstaltung: „Die Berufsmesse Zürich 2020 musste drei Wochen vor dem Start coronabedingt abgesagt werden“, meinte sie. Der direkte Austausch von Lehrbetrieben mit interessierten Jugendlichen war seither auf allen Ebenen erschwert. „Jetzt haben wir das grosse Glück, mit der Durchführung der Berufsmesse wieder eine optimale Plattform für Jugendliche sein zu dürfen.“ Zahlreiche Ausbildungsmöglichkeiten, 90 Aussteller, ein attraktives Rahmenprogramm – während 5 Tagen könnten Schülerinnen und Schüler in die Branchen eintauchen und entdecken. „So können Modelle zusammengebaut, Teile gelötet, Zöpfe gebacken oder Pflanzen eingetopft werden.“ Wie gross das Bedürfnis nach einer Austauschplattform für die Berufsbildung sei, zeige die Rekordzahl an Anmeldungen der Schulklassen.

Bildungsdirektorin Silvia Steiner nannte es ein „Fest für den Bildungs- und Wirtschaftsstandort Zürich und für die Zukunft unseres Kantons“. Dass aktuell 42 000 Lernende in 14 000 Lehrbetrieben einer Ausbildung nachgehen, unterstreiche die Bedeutung der Berufsbildung und damit auch der Berufsmesse. Regierungsrätin Steiner, die als „erprobte Krisenmanagerin“ vorgestellt wurde und die auch das Schutzkonzept – auf dem Areal gilt für über 16-Jährige 3G und Maskenpflicht – bewilligt hatte, erwähnte die Strahlkraft und Bedeutung: Man spüre die Begeisterung und Ernsthaftigkeit, mit der die Jungen sich erkundeten, an jeder Ecke. Die Berufsmesse ermögliche einen ersten, niederschwelligen Kontakt und sei ein guter Ort, um sich inspirieren zu lassen und sich Gedanken über die eigene Laufbahn zu machen.

Zürcher EuroSkills-Sieger geehrt

Damit den Jungen die Neugierde ein Leben lang erhalten bleibe, brauche es entsprechende Rahmenbedingungen: Hochstehende Bildung, gute Berufsfachschulen, unterschiedliche Weiterbildungsmöglichkeiten müssten garantiert bleiben. Wie gut die Schweizer Berufsausbildung sei, habe das Rekordresultat an den EuroSkills gezeigt mit 14 Medaillen.

Und drei Goldmedaillengewinner aus diesem europäischen Spitzenteam sind auch aus dem Kanton Zürich: Eine davon, Fleischfachfrau Leandra Schweizer aus Rafz, nahm an der Eröffnungsfeier neben Werner Scherrer, Präsident des KGV, auf der Bühne Platz. Sie erzählte über ihren Werdegang und ihre Berufswahl – ihre Eltern führen auf dem Hof eine Rinderzucht – nach der Schnupperlehre in der Dorfmetzgerei Sigrist. Aber sie wollte „auf keinen Fall in den Verkauf – ich war sehr scheu.“ Diese Schüchternheit hat sie spätestens seit dem Medienrummel um ihren Sieg an den EuroSkills weitgehend abgelegt. Ihren Erfolg führt sie hauptsächlich auf ihre Genauigkeit mit Metzgermesser und beim Schaffen neuer Kreationen – etwa dem (an den EuroSkills auch verlangten) Fingerfood, Fleischvögeln oder dem Entbeinen.

Auch die beiden anderen Gold-Gewinner der EuroSkills, die beiden Automatiker Yunus Ruff und Silvan Wiedmer aus Winterthur, welche das SwissSkills-Team in der Fachrichtung „Industrie 4.0“ vertreten haben, wurden mit einem Gutschein von Regierungsrätin Steiner geehrt.

Der zweite Gesprächspartner von Scherrer, der Informatiker Roman Böhringer und ehemaliger SwissSkills-Silber-Gewinner (2015/16), konnte als Selbständiger, der viele KMU als Kunden hat, schon auf einige Berufsjahre zurückblicken. Seither habe sich in seiner Branche sehr viel geändert, sagte Böhringer mit Blick auf die beiden Automatiker Ruff und Wiedmer und auf die Grundausbildung: „Von den Technologien von vor fünf Jahren sind vielleicht 30 bis 40 Prozent des Wissens schon wieder überholt“. Gerade die Industrie sei in den letzten Jahren von einem sehr schnellen Wandel hin zur Digitalisierung erfasst worden. „Und Corona war auch für viele KMU ein riesiger Digitalisierungsbeschleuniger“. Berufe wie Mediamatiker seien damals neu und frisch gewesen, heute seien sie etabliert.

Dabei lobte Böhringer das duale Berufsbildungssystem, das realitätsnah ausgelegt sei, sowie dessen Weiterbildungsmöglichkeiten und meinte trotz Fachkräftemangel zuversichtlich, dass im Bereich Informatik die Flexibilität und Qualität der Ausbildung ein Wettbewerbsvorteil habe. Gefragt nach seinen Kunden im Berufsbildungsbereich und dem „Unterricht von morgen“ vermutete Böhringer, dass sich Bildung und Weiterbildung vermehrt in Richtung des hybriden Unterrichts bewegen könnten. „Der persönliche Austausch wird auch in zehn Jahren noch wichtig sein – der Mensch ist ein soziales Wesen.“

Berufsbildung als Lebensschule

Aus philosophischer Sicht beleuchtete Publizist, Physiker und Philosoph Ludwig Hasler die Berufsbildung und deren Formung des Charakters. Bildung heisse nicht, pädagogischen Stoff in sich hineinzustopfen, sondern sich zu formen – die Berufslehre sei gerade durch die Widerstände, an denen man sich abarbeiten und Lösungen finden müsse, eine wichtige Lebensschule. Das Bild von streitenden Kindern auf dem Schulweg statt Helikoptereltern, die sie fahren, sei für ihn beispielhaft: Denn Reibereien seien hier genauso nötig wie in der gesamten Berufsausbildung. Sonst beraube man ihnen ihre Freiheit, sich zu behaupten, sich zu wehren. Genau an diesen Steinen, die Eltern ihren Kindern aus dem Weg räumen wollten, wachse der Mensch.

Als wichtigste Etappe auf seinem ganz persönlichen Bildungsweg sei seine acht Jahre dauernde Verantwortung für den familieneigenen Kartoffelacker gewesen, denn: „Es war eine Lebensmittelnotwendigkeit.“ Dieses Verantwortungsgefühl wohne auch dem Berufswesen inne. Berufslehre bedeute auch: Erfahrungen und Lernprozesse selber erleben. „Denn: Wer gebraucht wird, fühlt sich weniger überflüssig. Und wer sich weniger überflüssig fühlt, fällt weniger in eine Sinnkrise.“

Es sei dieses Mitwirken an etwas Bedeutsamem, „das grösser ist als ich“, das die Faszination und den höheren Wert der Berufswelt ausmacht. Doch Hasler warnte vor den Verlockungen der „Tempobolzerei, Kostentreiberei“ in verschiedenen Berufen: Durch miese Verhältnisse könne den Jungen der Stolz und Ehrgeiz, welche ihr Metier auszeichne und das sie in ihr Werk steckten, abhandenkommen. Weiter meinte Hasler auf die berechtigte Frage: Wer wird mit der Digitalisierung überflüssig? „Wer mit Herz und Hand am Werk ist, wird nie überflüssig.“ Algorhythmen könnten überraschend viele „elitäre“ Aufgaben wie jene von Juristen übernehmen. Hingegen fasste er sein Paradigma zusammen: „Ich schraube, ich backe, also bin ich.“

Wichtige Partner

Organisiert wird die Berufsmesse Zürich vom KMU- und Gewerbeverband Kanton Zürich (KGV) und der MCH Messe Zürich. Als grösstem Arbeitgeberverband des Kantons Zürich ist dem KGV die Berufslehre ein besonderes Anliegen, um die Bedingungen für die KMU-Lehrbetriebe, die 80 Prozent der Lernenden ausbilden, permanent zu verbessern. Zu den Sponsoren der Berufsmesse Zürich zählen die Zürcher Kantonalbank, der Berufsbildungsfonds des Kantons Zürich sowie das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation. Medienpartner der Berufsmesse Zürich sind Energy Zürich und der Tages-Anzeiger.

Pressekontakt:

Patrizia Ciriello, Kommunikationsleiterin
MCH Messe Schweiz (Zürich) AG | 8050 Zürich
Tel. +41 58 206 22 58 | patrizia.ciriello@berufsmessezuerich.ch

Original-Content von: Berufsmesse Zürich / MCH Group übermittelt durch news aktuell

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