Evergrande / Internationale Investoren müssen 22,5 Milliarden US-Dollar abschreiben

25.10.2021 |  Von  |  Presseportal

Berlin (ots) –

Internationale Investoren müssen bei der wahrscheinlich bereits eingetretenen Pleite von Evergrande 22,5 Milliarden US-Dollar abschreiben. Der Bankrott des zweitgrößten Immobilienentwicklers in China könnte sogar eine globale Finanzkrise auslösen. Dies belegt die DMSA-Studie „The Great Reset – Evergrande und die finale Kernschmelze des globalen Finanzsystems“.

In der Studie weist der frühere Fitch-Analyst Dr. Marco Metzler nach, dass eine Pleite des Immobilien-Developers Evergrande eine globale Finanzkrise auslösen könnte. Der Bauträger, der direkt oder indirekt rund vier Millionen Menschen beschäftigt, hat rund 300 Milliarden US-Dollar an Schulden angehäuft, die er nicht fristgerecht zurückzahlen kann.

Metzler, der 2003 bereits die Pleite der Mannheimer Lebensversicherung korrekt prognostiziert hat, sowie seine beiden Co-Autoren – Michael Ewy und der Asienexperte Duc Tam Dam – weisen in der Untersuchung für die Deutsche Marktscreening Agentur DMSA detailliert nach, dass allein internationale Investoren rund 23,67 Milliarden US-Dollar in 23 Anleihen und drei Großkredite des schlingernden Bauträgers gesteckt haben. Unter den bereits bekannten institutionellen Investoren finden sich so bekannte Adressen wie Fidelity, Blackrock, UBS, Ashmore Group, Prudential, HSBC, Pictet, Vontobel, BNP und Allianz. „Dabei sind uns bisher längst nicht alle internationalen Investoren bekannt, sondern lediglich 148 Investoren mit erhöhten Berichtspflichten wie etwa Fondsgesellschaften, die insgesamt 3,44 Milliarden US-Dollar investiert haben. Hier könnte es noch einige negative Überraschungen geben“, glaubt Dr. Metzler.

(Hinweis für die Redaktionen: Die Liste der bislang bekannten Investoren kann der DMSA-Studie entnommen werden.)

Besonders gefährlich: Die Ratingagentur Fitch hat Ende September Evergrandes Bonität auf C herabgestuft und dabei für ausstehende Anleihen ein Recovery-Rating von RR6 vergeben. Die Agentur unterstellt also, dass Investoren bei einem Bankrott von Evergrande lediglich null bis zehn Prozent ihres eingesetzten Kapitals zurückerhalten. „Geht man im Schnitt von fünf Prozent Rückfluss aus, dann müssen internationale Investoren bei einer Insolvenz sofort rund 22,5 Milliarden US-Dollar abschreiben,“ rechnet Studienautor Metzler vor. „Im schlimmsten Fall könnten dann einige der uns heute noch unbekannten internationalen Investoren ebenfalls vor der Pleite stehen.“

Der Bankrott von Evergrande selbst ist dagegen wahrscheinlich bereits eingetreten. Bis Montagmorgen deutscher Zeit waren – weder von Evergrande selbst noch von Ratingagenturen vor Ort, betroffenen Anleihe-Investoren oder beteiligten Banken – Bestätigungen dafür zu erhalten, dass überfällige Zinsen in Höhe von 83,5 Millionen US-Dollar Ende vergangener Woche – zum letztmöglichen Termin der 30-tägigen Schonfrist – gezahlt worden sind. Bisher gibt es hierzu lediglich unbestätigte Presseberichte, wonach die Zinsen auf Treuhandkonten geflossen seien. Bei den Gläubigern jedoch sind sie bisher nicht eingegangen. Damit wäre der Pleitefall eingetreten. Doch selbst, wenn diesmal die Zinsen noch gezahlt worden sein sollten, es wäre bloß ein Aufschub der Insolvenz. Denn von nun an geht es Schlag auf Schlag weiter: Die nächste – bereits überfällige – Zinszahlung muss bis 29. Oktober erfolgen. Die übernächste (ebenfalls bereits in Verzug) dann bis zum 10. November.

Ganz regulär stehen zudem bei Evergrande bis 6. Dezember weitere 275,8 Millionen US-Dollar an Kuponzahlungen an. Und bis 27. Januar nochmals Ausschüttungen von 255,2 Millionen US-Dollar. Sollten tatsächlich alle fälligen Kupons bedient werden können, so ist spätestens am 23. März 2022 mit der Rückzahlung einer Zwei-Milliarden-Dollar-Anleihe ein weit größerer Brocken zu stemmen.

Nach Angaben des angesehenen chinesischen Wirtschaftsmagazins Caixin muss Evergrande innerhalb der nächsten zwölf Monate insgesamt sogar 106 Milliarden Euro für Zinsen und Rückzahlungen auftreiben. „Sollte nicht doch noch der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass der chinesische Staat einspringt, dann ist damit Evergrandes Zusammenbruch schon heute als sicher anzusehen“, interpretiert Studienautor Metzler diese Zahlen.

Der Bankrott des gefährlich schlingernden Bauträgers ist dabei lediglich die erste Stufe einer finanziellen Kettenreaktion, die eine solche Pleite auslösen dürfte. In ihrer Studie stellen Dr. Metzler und Co klar, dass Evergrande nicht der einzige chinesische Immobilien-Entwickler in Schieflage ist. So konnten etwa auch Fantasia, Modern Land und Sinic ihre Schulden zuletzt nicht mehr bedienen. Der gesamte Immobiliensektor, der in China für 25 bis 30 Prozent der Wirtschaftsleistung steht, ist völlig überhitzt. Hier kann jede Pleite andere chinesische Immobilienfirmen, Banken und Versicherer mit in die Tiefe ziehen.

Zudem dürfte eine Evergrande-Pleite das chinesische Wirtschaftswachstum deutlich abbremsen. Die Wirtschaftsprobleme im Reich der Mitte werden dann noch deutlich stärker zutage treten. Stichworte: Energie- und Rohstoffknappheit, Werks- und Hafenschließungen sowie die Überschuldung von Staat, Unternehmen und Privatpersonen. Die Verschuldungsquote liegt schon derzeit bei 230 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes. „Das könnte verheerende Folgen für die Weltwirtschaft haben. Die Lieferketten würde noch deutlich stärker belastet als heute schon – wenn sie nicht sogar komplett reißen“, prognostiziert Studienautor Marco Metzler. Dies wiederum führe dann in den USA und in Europa unweigerlich zu einer galoppierenden Inflation.

Aus Sicht der Studienautoren hat ein Bankrott von Evergrande das Potenzial, zu extremen Verwerfungen des globalen Finanzsystems zu führen – mit Pleiten von Akteuren, die heute noch als grundsolide gelten. „Ausgelöst durch einen chinesischen Finanz-Virus namens Evergrande kann der Welt ein ,Great Reset“ bevorstehen – die finale Kernschmelze des derzeitigen globalen Finanzsystems“, so das pessimistische Fazit von Dr. Marco Metzler.

Mehr Informationen zu den Ergebnissen der Studie finden Sie unter www.dmsa-agentur.de

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