Droht der Schweiz ein massiver Arbeitskräftemangel?

05.09.2014 |  Von  |  News
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Droht der Schweiz ein massiver Arbeitskräftemangel?
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Wenn von den Auswirkungen des demografischen Wandels auf den Arbeitsmarkt die Rede ist, geht es in der öffentlichen Diskussion meist um den befürchteten Mangel an Fach- und Führungskräften. Die Problematik betrifft jedoch den gesamten Arbeitsmarkt. Laut einer Studie der Boston Consulting Group (BCG) werden in der Schweiz im Jahr 2020 insgesamt 430’000 Arbeitskräfte fehlen, ein Jahrzehnt später werden es knapp 900’000 sein.

Schon heute ist die Schweiz das einzige Land in Europa, das seinen Bedarf an Arbeitskräften nicht aus inländischen Ressourcen decken kann. Tagtäglich pendeln 260’000 Menschen über die Schweizer Grenzen. Hinzu kommen die ausländischen Arbeitskräfte, die sich für einen Wohnsitz in der Schweiz entscheiden. Die BCG-Studie macht nun deutlich, in welchem Masse sich der Mangel an Arbeitskräften in den kommenden 15 Jahren verschärfen wird. Das Staatssekretariat für Wirtschaft erhebt zwar keine eigenen Daten über den Arbeitskräftemangel, hält die Studienergebnisse jedoch für plausibel.



Das Angebot an Arbeitskräften schrumpft in vielen Ländern

Die Studie der BCG befasst sich nicht nur mit der Schweiz, sondern liefert – als erste Untersuchung überhaupt – ein umfassendes Bild darüber, wie es in den Industrie- und Schwellenländern in den Jahren 2020 und 2030 um die Nachfrage und das Angebot von Arbeitskräften stehen wird. Die 25 untersuchten Volkswirtschaften stehen für 80 % der weltweiten Wirtschaftsleistung. Am härtesten vom Arbeitskräftemangel getroffen werden übrigens Deutschland und Brasilien sein – Ersteres auch mit Folgen für die Schweiz, da von dort nach Italien die zweitgrösste Migrantengruppe stammt.

Rainer Strack, BCG-Seniorpartner und einer der Studienautoren, beschreibt die aktuelle Situation als einen Wendepunkt. In vielen Ländern beginne das Arbeitskräfteangebot zu schrumpfen, in der Vergangenheit habe es eine solche Konstellation nur nach grossen Kriegen oder Epidemien gegeben. Bis 2030 wird sich der Arbeitskräftemangel noch einmal markant verschärfen. Auch Brasilien, China oder Russland werden dann nicht mehr in der Lage sein, ihren Bedarf an Arbeitskräften selbst zu decken. Nur in wenigen grossen Volkswirtschaften – beispielsweise Indien, Südafrika und USA – wird bis dahin das Angebot die Nachfrage noch übersteigen.

Nur noch wenig Zeit für politische Reaktionen auf die Krise



Das Zahlenmaterial für die Studie bezog das Beratungsunternehmen von der International Labor Organization (ILO) sowie der Economist Intelligence Unit. Die Grundfrage der Untersuchung lautete, wie viele Arbeitskräfte ein Land benötigt, damit es seine Wachstumsraten und Produktivitätsfortschritte der letzten zwei Jahrzehnte halten kann. Eingerechnet wurde jeweils eine Sockelarbeitslosigkeit von bis zu 5 %. Für die Berechnung des Arbeitskräfteangebotes haben die Studienautoren ausgehend von der heute erwerbstätigen Bevölkerung Geburtenraten, die Arbeitsmarktpartizipation bestimmter Bevölkerungsgruppen sowie Immigrationstrends in die Untersuchung einbezogen. Ein wesentliches Fazit der Studie ist, dass die Politik diese Entwicklung schlicht verschlafen hat. Inzwischen bleibt nur noch wenig Zeit, um auf die sich abzeichnende Krise auf dem Arbeitsmarkt zu reagieren.

Die Folgen: Wohlstandsverluste und wirtschaftliche Stagnation



Boris Zürcher, Chef der Abteilung Arbeit im Seco, hält die Szenarien der Studie auch angesichts der aktuellen politischen Debatte in der Schweiz für hilfreich. Wenn die Masseneinwanderungsinitiative Bestand hat und die Zuwanderung tatsächlich limitiert wird, dürfte dies vor diesem Hintergrund für den Schweizer Arbeitsmarkt gravierende negative Folgen haben. Worin diese bestehen, illustriert das Beispiel Japan schon seit Langem: wirtschaftliche Stagnation und Verlust an Wohlstand. Wenn in der Schweiz in absehbarer Zeit tatsächlich 400’000 Arbeitskräfte fehlen, wird der Fiskus beispielsweise auch acht Milliarden Franken weniger Steuereinnahmen zu verteilen haben.

Schweizer Unternehmen und Firmen, die sich hierzulande niederlassen wollen, haben bereits jetzt Schwierigkeiten, talentierte Spezialisten anzuziehen. (Bild: lucarista / Shutterstock.com)

Schweizer Unternehmen und Firmen, die sich hierzulande niederlassen wollen, haben bereits jetzt Schwierigkeiten, talentierte Spezialisten anzuziehen. (Bild: lucarista / Shutterstock.com)

Verlust von Standortattraktivität



Schweizer Unternehmen und Firmen, die sich hierzulande niederlassen wollen, haben bereits jetzt Schwierigkeiten, talentierte Spezialisten anzuziehen. Der Schweiz könnte damit perspektivisch ein wichtiger Standortvorteil verloren gehen. Matthias Naumann, Chef der BCG Schweiz, fasst die Situation so zusammen, dass internationale Firmen ihre Ansiedlungsentscheidungen künftig nicht mehr primär unter Kosten- und Steueraspekten treffen werden, sondern sich dort niederlassen werden, wo sie die Talente finden, die sie brauchen. Grosse Defizite erwartet Naumann unter anderem für das Gesundheitswesen sowie den Banken- und Versicherungssektor in der Schweiz.

Stärkere Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt

Der Schweizer Arbeitgeberverband will die Lücken durch eine bessere Nutzung des inländischen Potenzials an Arbeitskräften füllen. Verbandschef Roland Müller sieht vor allem bei der Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt ein grosses ungenutztes Potenzial. Zwar sind die Schweizerinnen im internationalen Vergleich recht stark auf dem Arbeitsmarkt vertreten, 60 % von ihnen üben jedoch nur eine Teilzeitbeschäftigung aus. Müller fordert insbesondere, den Wiedereinstieg der Frauen nach einer Familienpause besser zu fördern, ihr Arbeitspensum zu erhöhen und dies durch entsprechende Kinderbetreuungsmöglichkeiten abzusichern. Inzwischen beschäftigt dieses Thema auch die Bundespolitik – Wirtschaftsminister Schneider-Amman will dem Bundesrat noch in diesem Monat entsprechende Vorschläge präsentieren.

Erwerbstätigkeitsanreize für ältere Arbeitnehmer

Ausserdem fordert der Arbeitgeberchef die Unternehmen auf, ihre personellen Ressourcen weitsichtig zu planen, die Anreize für Frühpensionierungen zu minimieren und sich frühzeitig auf die Aus- und Weiterbildung aller Mitarbeiter zu fokussieren. Die Verbandsinitiative „Arbeitsmarkt 45+“ soll dazu beitragen, die Arbeitsmarktpartizipation älterer Arbeitnehmer zu erhöhen. 9,9 % der über 65-jährigen Arbeitnehmer in der Schweiz befinden sich übrigens noch im Arbeitsleben. Im internationalen Vergleich ist das ein hoher Wert. In Frankreich liegt er beispielsweise nur bei 1,8 %, in den USA dagegen bei rund 18 %.

BCG-Berater Naumann glaubt allerdings nicht, dass die Lücken auf dem Arbeitsmarkt durch eine bessere Arbeitsmarktintegration von Frauen und älteren Arbeitsnehmern beseitigt werden, auch die zu erwartende Migration löse das Problem nicht mehr. In Zukunft werden Unternehmen und Standorte auch um qualifizierte Arbeitnehmer konkurrieren. Die Schweiz muss hier noch einiges tun, um für internationale Kandidaten attraktiv zu sein.



 

Oberstes Bild: © igor.stevanovic – Shutterstock.com


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