Gelassenheit ist ein Erfolgsfaktor im Aktiengeschäft

15.11.2016 |  Von  |  News

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Zu intensives Verfolgen des Börsengeschehens kann leicht zu Fehlentscheidungen führen. Ein probates Mittel dagegen ist eine Pause. Sechs Monate Ignorieren führt zu einer völlig anderen Perspektive auf den Aktienmarkt.

Stellen Sie sich vor, Sie haben Anfang 2015 eine starke Schlaftablette genommen und sind erst diesen November, also 22 Monate später, wieder aufgewacht.

Was springt Ihnen nun ins Auge, wenn Sie erstmals die Finanzseite in der Zeitung aufschlagen? Plötzlich steht vor den Zinssätzen bei den Schweizer Staatsanleihen ein Minuszeichen! Ausserdem ist der Euro-Kurs dramatisch gesunken. Äusserst stabil dagegen präsentiert sich die Börse.

Der Swiss Performance Index (SPI) notiert per 1. November lediglich 2,2 Prozent tiefer als Anfang 2015, der Dow Jones liegt gar 1,8 Prozent höher. Mit der Schlaftablette haben Sie somit rein gar nichts davon mitbekommen, dass die Schweizer Börse während diesen 22 Monaten nicht weniger als viermal massiv eingebrochen ist: zuerst beim Frankenschock, dann wegen China, dem Ölcrash und zuletzt nach dem Brexit.

Spätestens nach sechs Monaten jedoch waren diese Verluste stets wieder ausgebügelt. Die Grafik zeigt eindrücklich, wie gering die Kursschwankungen beim SPI ausgefallen sind, wenn die Messung jeweils nur zum Semesterende erfolgte: Der grösste Rückgang entspricht dem aktuellen Minus von 2,2 Prozent.

Risiko bei Aktien existiert oft nur in der Einbildung

Die heftigen Kursausschläge beim Swiss Performance Index verschwinden, wenn die Entwicklung nur im Halbjahrestakt gemessen wird (letzte Messung per 1.11.2016).

Doch warum fällt es den Anlegern so schwer, eine virtuelle Schlaftablette zu nehmen und die Börse einfach für ein paar Monate zu ignorieren? Der Grund liegt in der menschlichen Psyche.

Wir sind so konditioniert, dass wir lieber einen falschen Entscheid treffen, als gar nichts zu unternehmen.

Die Wissenschaft bezeichnet dieses Verhaltensmuster als „Action Bias“ (auf Deutsch: Aktivitäts-Fehler). Ein anschauliches Beispiel dazu liefert das Elfmeterschiessen beim Fussball. Statistiken zeigen, dass die Torhüter bei 94 Prozent aller Penaltys in die linke oder rechte Ecke hechten. Weil aber 28 Prozent der Schüsse auf die Mitte zielen, wäre es rationaler, die Torhüter würden viel öfter stehen bleiben anstatt zu springen. Offenbar profilieren sich die Goalies lieber mit spektakulären Paraden, obschon sie auf diese Weise weniger Bälle halten. Hingegen vermittelt ein Torhüter, der einfach in der Mitte verharrt, ein Bild der Unentschlossenheit.

Gleiches gilt für den Anleger: Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass Rastlosigkeit beim Traden die Performance verschlechtert. Trotzdem lassen wir uns aufgrund der Hektik an der Börse immer wieder zu leichtfertigen Transaktionen verführen. Die pausenlose Informationsflut führt dabei zu einer weiteren Denkfalle.

Unser Hirn sehnt sich nach Geschichten, die einen „Sinn“ ergeben – selbst dort, wo gar kein logischer Zusammenhang besteht.

Die kurzfristigen Kursausschläge an der Börse sind oftmals durch zufällige Ereignisse bestimmt. Wer nun aus solchen willkürlichen Signalen ein Erklärungsmuster zu konstruieren versucht, neigt zu übereilten oder falschen Handlungen. Dies wirkt sich umso fataler auf die Anlageentscheide aus, je mehr wir dem so genannten „Confirmation Bias“ (Bestätigungs-Fehler) erliegen. Der Mensch hat nämlich die Tendenz, aus dem Schwall an Nachrichten genau diejenigen herauszufiltern, welche seine bestehende Meinung bestätigen. Wir vertrauen deshalb zu stark auf unser subjektives Bauchgefühl und merken nicht, dass die Realität womöglich ganz anders aussieht.

Ein weiterer Faktor verleitet den Anleger zu einem übertriebenen Aktivismus: die Verlustaversion. Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat nachgewiesen, dass uns ein Verlust generell deutlich stärker schmerzt, als wir uns über einen gleich hohen Gewinn freuen.

Die Verlustaversion hat eine folgenschwere Auswirkung: Sie führt dazu, dass wir den Zeithorizont unnötigerweise verkürzen.

Konkret: Wenn ich eine Aktie kaufe und bereits eine Minute später wieder den Kurs abrufe, wird dieser mit einer Wahrscheinlichkeit von 49,8 Prozent tiefer liegen. Eine Stunde später liegt die Aktie noch immer zu 48,7 Prozent im Minus. Und auch nach einem Tag ist das statistische Verlustrisiko nur unwesentlich gesunken, nämlich auf 46 Prozent. Wer also fortlaufend das Börsengeschehen verfolgt, wird vielfach enttäuscht sein von seiner Aktie. Aufgrund der Verlustaversion beginnt man als Anleger rasch an der eigenen Strategie zu zweifeln – selbst wenn diese auf lange Frist sehr erfolgreich wäre.

Dabei genügt ein bisschen Geduld, und die Gefahr eines Verlusts verschwindet automatisch. Bereits ein Jahr nach dem Aktienkauf beträgt die statistische Wahrscheinlichkeit eines Kursrückgangs nur noch 28 Prozent (vgl. Grafik). Und nach fünf Jahren sinkt dieses Risiko gar auf 12 Prozent.

Geduld als profitable Grösse

Je länger eine Aktienanlage dauert, desto grösser ist die statistische Chance auf einen Gewinn. Beispiel: Wenn ich heute Aktien kaufe, habe ich nach einem Jahr mit einer Wahrscheinlichkeit von 72 Prozent einen Gewinn erzielt. (Die Daten basieren auf der historischen Rendite und Standardabweichung der US-Börse seit 1929.)

Börsen-Altmeister André Kostolany verglich die Börse einst mit einem Hund und die Wirtschaft mit seinem Herrchen. Der Mensch spaziert mit gleichmässigen Schritten, während der Hund mal nach vorne prescht und dann wieder hinterher bummelt. Am Ende jedoch gelangen sie beide ans Ziel.

Wenn also die Börsenkurse das nächste Mal wieder abtauchen, seien Sie unbesorgt. Statt auf die rot eingefärbten Zahlen auf Ihrem Bildschirm zu starren, nehmen Sie lieber eine fiktive Schlaftablette. Oder gehen einfach Sie spazieren – mit oder ohne Hund spielt keine Rolle.

 

Artikelbild: © ImageFlow – shutterstock.com


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