Vorsicht! Nur für harte Hunde!

19.03.2015 |  Von  |  Selbstmanagement
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Vorsicht! Nur für harte Hunde!
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Wer war Ihr bester Chef? Lassen Sie mich raten: Ganz sicher war es kein Choleriker, Hektiker oder Erbsenzähler. Ich kenne Ihren besten Chef nicht, aber ich wette: Er oder sie war das Gegenteil.

Nämlich souverän, gelassen, abgeklärt, cool. Ich wette weiter: Wenn der Stress die Schmerzgrenze überschritt und alle irre stressten, bewahrte er ruhig Blut. Wenn Sie ihm etwas zu sagen hatten, reagierte er nicht wie der übliche Vorgesetzte mit dem verbalen Kniesehnenreflex. Warum können das nur so wenige Chefs?

Das Experiment

Weil man dazu können muss, was viele Chefs nicht können: stillhalten. Wir alle haben das verlernt. Professor Timothy Wilson von der University of Virginia bat Versuchsteilnehmer, sechs bis 15 Minuten ohne jede Aktivität in einem ruhigen, schmucklosen Raum zu sitzen. Er bot an: „Wenn Ihnen das zu unangenehm ist, können Sie sich mit diesem Gerät Elektroschocks verabreichen.“ Die meisten Probanden lehnten das ab und bezweifelten die geistige Gesundheit des Versuchsleiters. Danach sassen sie allein in der Stille. Was schätzen Sie? Wie viele haben sich selbst Elektroschocks verabreicht, nur um die Stille nicht aushalten zu müssen? Zwei Drittel der Männer und ein Viertel der Frauen. Eine Testperson verabreichte sich sogar 190 Elektroschocks. Der Ärmste hat sich alle fünf Sekunden selber aus der Souveränität geschockt. Es war der Manager unter den Probanden…Der Schock war ihm lieber als die Stille. Wie verrückt ist das denn?

Nichts schlimmer als die Stille

Zahnarzt, Finanzamt und Verkehrskontrolle sind schlimm. Am schlimmsten aber für den modernen Menschen ist es, das zu bekommen, was er sich angeblich und oft ostentativ stöhnend so sehr wünscht: „Endlich mal ein paar Minuten für mich selbst!“ Bekommt er diese dann wirklich, elektroschockt er sich prompt aus der Erholung heraus. Das erklärt, warum sich so viele Menschen „mehr Gelassenheit“, „grössere Souveränität“ oder „innere Ruhe“ wünschen – aber prompt zum Elektroschock, zur Fernbedienung, zu Smartphone, Internet oder dem nächsten Projekt greifen, wenn sie die Chance dazu hätten. Ruhe, Gelassenheit und Souveränität sind scheinbar nur etwas für die Ultra-Harten. Man muss schon ein Titan sein, um sechs bis 15 Minuten Ruhe aushalten zu können! Trotzdem verstummen die Wünsche nach mehr Gelassenheit, Souveränität und Ruhe nicht. Warum nicht?

Wer hält Gelassenheit schon aus?

Die meisten Menschen würden heutzutage gerne die Ruhe aushalten können. Weil sie wissen: In der Ruhe liegt die Kraft, die Erholung, die Lebenszufriedenheit, die Souveränität, die Gelassenheit, der Überblick, die Besonnenheit, das Eheglück, die gelungene Erziehung der Kinder, die Charakterreife, die ungenutzten Potenziale, der überdurchschnittliche Erfolg. Sie würden das schon wollen. Aber sie können das nicht mehr. Kaum haben sie mal fünf Minuten für sich, geniessen sie nicht die Stille, sondern flüchten hektisch in nutzlose Ablenkung wie Internet-Surfen oder Smartphone-Daddeln. Geht uns allen so. Muss es nicht. Es gibt viele Wege zurück zur Souveränität. Beschreiten wir einen der einfachsten.

Sitzen Sie gut?

Prima. Dann legen Sie bitte am Ende dieses Satzes Ihr Tablet oder den Ausdruck beiseite oder drehen Sie sich weg vom PC und machen Sie eine Minute, 60 Sekunden – nichts. Bitte. Ab jetzt.


Die meisten Menschen würden heutzutage gerne die Ruhe aushalten können. (Bild: © KieferPix - shutterstock.com)

Die meisten Menschen würden heutzutage gerne die Ruhe aushalten können. (Bild: © KieferPix – shutterstock.com)


Sind Sie zurück?

Haben Sie die Minute geschafft? Das ist leider die falsche Antwort – aber kein Vorwurf: Die meisten antworten mit Ja und bei den meisten trifft das schlicht nicht zu. Niemand schafft 60 Sekunden Stille auf Anhieb, der nicht zehn Jahre in einem tibetanischen Kloster auf geistige Höchstleistung trainiert wurde. Sie haben nur zehn Sekunden geschafft, bevor die wilde Gedankenjagd einsetzte oder bevor Sie sich dabei ertappten, wie Sie wieder irgendwas anklickten oder auf dem Schreibtisch herumschoben? Das ist eine exzellente Leistung. Zehn Sekunden sind herausragend (und darüber hinaus ehrlich). Ihr allerbester Chef konnte das übrigens keine zehn Sekunden, sondern viele Minuten am Stück. Wenn es sein musste, konnte er das so lange bis die Kühe heimkamen. Deshalb war er so abgeklärt, gelassen und souverän. Deshalb ist er oder sie Ihr bester Chef. Wie hat er oder sie das geschafft?

Training der Stille

Es gibt viele erfolgreiche Menschen. Aber es gibt nur wenige, die dabei auch souverän bleiben. Erfolg ist zu grossen Teilen oft auch Glückssache und Folge von äusseren Umständen. Souveränität jedoch erwirbt man sich selbst. Erfolg kann man ernten, Souveränität muss man trainieren. Und weil wir alle sowas von trainingsfaul sind, gibt es nur wenige, die wirklich souverän sind. Immer. Und überall. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute ist: Wenn man das trainieren kann, kann das jede(r) trainieren. Wie? Mit einem Hindernistraining.

Hindernistraining

Was hindert Sie daran, so souverän zu arbeiten, zu agieren und zu leben wie Ihr Mustervorgesetzter? Natürlich: Der Tsunami der Gedanken und Gefühle, der über uns hereinbricht, sobald wir in die Stille gehen. Dieser Tsunami steht zwischen uns und der Souveränität. Er ist das Hindernis, das es zu überwinden gilt. Glücklicherweise haben schon die frühen Philosophien vor 4000 Jahren Techniken dafür entwickelt. Eine der einfachsten: Leiden Sie nicht unter der Flut der Gedanken. Ärgern Sie sich nicht darüber, wehren Sie sich nicht dagegen. Das einfache Rezept lautet: Triple B. Einfach alles, was hochkommt oder auftaucht: beobachten – begrüssen – benennen. Als ich unlängst eine Managerin begleitete, lieferte sie eine schöne Probe dieser Praxis ab: „Von Ruhe leider keine Spur! Da kommt der Gedanke an unseren säumigen Lieferanten! Und hier kommt mein Ärger über diesen Verzug. Jetzt kommt auch noch der Frust über diesen Ärger hinzu. Ich soll ja ruhig werden und mich nicht ärgern – hoppla, das ist auch schon ein Gedanke: ein Vorwurf an mich selbst …“ – „Und jetzt? Was kommt jetzt hoch?“, wollte ich wissen. „Äh“, sagte die Managerin. „Eigentlich … gar nichts. Ich bin ruhig. Wow. Geiles Gefühl.“ Warum funktioniert das so einfach?

So einfach

Niemand wird ruhig, gelassen und souverän, solange in ihm/ihr noch der Kampf der Gefühle und Gedanken tobt. Also kämpfen Sie nicht. Beobachten, begrüssen, benennen Sie – dann geben Gefühle und Gedanken Ruhe. Sie geben Ruhe und sie geben Ihnen die Ruhe, die Sie sich wünschen und die auch Ihr bester Chef hatte. Ich wünsche es Ihnen.

 

Oberstes Bild: © Joshua Resnick – shutterstock.com

Über Matthias Wölkner

Matthias Wölkner macht Manager, Unternehmer, Führungskräfte und ihre Mitarbeiter sozusagen „Olympia-fit“, indem er sie in die Kunst der Gelassenheit und Souveränität einweist. Früher selber Topmanager auf Geschäftsführungsebene ist er heute der Coach, der den Menschen und Organisationen hilft, Dauerhöchstleistung zu bringen, ohne vor die Wand zu fahren.


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