Sputnikschock 2.0? Russland schickt staatliche Suchmaschine ins Rennen

16.11.2013 |  Von  |  News
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Sputnikschock 2.0? Russland schickt staatliche Suchmaschine ins Rennen
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Steht in Russland demnächst eine neue Suchmaschine auf, die dem nationalen Marktführer Konkurrenz machen kann? Zur Zeit wird an dem Projekt namens Sputnik hart gearbeitet und staatliche Fördermassnahmen sollen für eine grossflächige Verbreitung beim Markteinstieg sorgen.

Da Russland über den mit Abstand grössten Onlinemarkt Europas verfügt, lohnt sich ein Blick auf das Geschehen jenseits der EU-Grenzen. Wir haben ein paar Fakten und Einschätzungen über den Erfolg des Projekts gesammelt.



Im deutschen Sprachraum sind User offenbar dann zufrieden, wenn sie (im Wesentlichen) auf zwei Suchmaschinen zurückgreifen können. Laut Alexa-Trafficanalyse befinden sich in der Schweiz unter den Top 10 der am meisten aufgerufenen Webseiten Google und Yahoo, gleich auf Platz 11 folgt live.com und auf Platz 19 search.ch. In Deutschland belegen ebenfalls Google und Yahoo die Top 10, aber im Gegensatz zur Schweiz kommt dann lange Zeit keine Suchmaschine mehr. Erst auf Platz 29 taucht live.com auf und auf Platz 42 befindet sich bing.com.

In Russland ist die Suchmaschinenlandschaft noch etwas dichter: Der uneingeschränkte Marktführer Yandex.ru (nach Angaben von Reuters mit ca. 62 Prozent Marktanteil) steht auf Platz 1, Google.ru auf 3 und Mail.ru auf 5. Jetzt soll noch eine weitere Suchmaschine hinzukommen, wie die russische Zeitung „Vedomosti“ vor einiger Zeit berichtete. Sie soll Anfang 2014 öffentlich ans Netz gehen und unter dem Namen Sputnik nach Möglichkeit ähnlich bekannt werden, wie 1957 das gleichnamige Weltraumprojekt der ehemaligen Sowjetunion. Aber der Name ist nicht das Einzige, was die geplante Suchmaschine mit dem Weltraumprojekt gemeinsam hat, sondern auch die staatliche Förderung. Hinter dem Projekt steht die grösste russische Telekommunikationsfirma Rostelecom, deren Hauptaktionär der russische Staat ist.

In Russland gibt es mit 70 Millionen Internetnutzern so viele, wie in keinem anderen Land Europas, die vor allem von Yandex Gebrauch machen. Zahlreiche Stimmen vermuten, dass durch die staatliche Suchmaschine der Einfluss des eher oppositionellen Yandex eingedämmt werden soll.

Moskauer Regierungsviertel: Roter Platz bei Nacht. © oneinchpunch – Fotolia.com




Wer den russischen Markt bedient oder das in Zukunft vorhat, wird sich fragen, ob er für sein SEO bald eine weitere Suchmaschine berücksichtigen sollte. Dazu gibt es verschiedene Meinungen, aber zunächst möchten wir ein paar Fakten über die Firma hinter dem Projekt präsentieren.



Rostelecom verfügt als Marktführer für Internetdienste über eine grossflächige Infrastruktur mit Zugang zu 35 Mio. russischen Haushalten, hat mehr als 100 Mio. Kunden und erwirtschaftete im Jahr 2012 einen Umsatz von 122 Mrd. Rubel, was ca. 3,4 Mrd. CHF entspricht.



Die Firma hinter Sputnik steht also auf einer soliden Basis und verfügt über viel Erfahrung mit dem Umsetzen von grossen Projekten. Sozusagen als Starthilfe soll Sputnik als verpflichtender Standard „auf sage und schreibe 4 Millionen Behördenrechnern in russischen Amtsstuben“ eingeführt werden, „was Sputnik direkt zur viertgrössten Suchmaschine auf dem russischen Markt macht“, schreibt Vitaliy Malykin in einem Artikel der Kölner Webdesign & SEO Agentur Design4u, die zahlreiche Kunden in Russland betreut. Bisher wurden 20 Mio. US-Dollar (ca. 18,3 Mio. CHF) in das Pojekt investiert – im Vergleich zu den Suchmaschinen der Konkurrenten ist das sehr wenig. Yandex wandte allein im Jahr 2012 mehr als 140  Mio. US-Dollar (128,2 CHF) auf.

Insgesamt sieht Malykin relativ gute Chancen für einen erfolgreichen Einstieg von Sputnik in das Suchmaschinengeschäft.

Andere Stimmen halten das Projekt für einen unrentablen Kostenfaktor, wie Ivan Kim, Analyst bei der Vneschtorgbank (VTB), dem grössten russischen Kreditinstitut. „Suchmaschinen sind ein komplett anderes Gebiet als das Servicegeschäft im Telekommunikationssektor, in dem Rostelecom bisher gearbeitet hat“, sagt Kim und prognostiziert: „Mit ihrem Mangel an Expertise ist ein Erfolg des Vorhabens recht unwahrscheinlich.“ Tatsächlich gibt es bestätigte Berichte, dass Rostelecom Entwickler von der direkten Konkurrenz Yandex, Mail.ru und Google abwirbt, um diesen Mangel nach Möglichkeit zu kompensieren, was aber kein adäquater Ersatz für jahrelange Unternehmenserfahrung im Suchmaschinenbereich sein kann.

Wie nbcnews.com berichtet, sehen auch die Analysten der Bank of America Merill Lynch die Marktanteile von Yandex und Google nicht ernsthaft gefährdet. Ihrer Meinung nach bedürfe es eines langen Optimierungsprozesses für hochwertige Suchergebnisse, der Sputnik noch bevorstehe, den seine Konkurrenten jedoch bereits durchlaufen hätten. „Selbst wenn der Start von Sputnik gewissenhaft ausgeführt wird, erwarten wir nicht, dass es viele Marktanteile von Yandex oder Google abgreifen kann.“

Es ist sicherlich kein Risiko mit Yandex auch in Zukunft als stabilem Marktführer zu rechnen und davon auszugehen, dass seine Marktanteile durch das Aufkommen von Sputnik nicht einbrechen werden. Da Yandex dafür bekannt ist, dem russischen Staat manches mal öffentlich zu widersprechen und sich seiner Kontrolle zu entziehen, wird Sputniks Nähe zum Staat vermutlich die bisherigen Yandex-Nutzer davon abhalten, die Suchmaschine zu wechseln.



 

Oberstes Bild: © vinz89 – Fotolia.com



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