Fintechs auf dem Vormarsch: Sind die Banken noch im Spiel?

09.01.2017 |  Von  |  Finanzen
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In der Schweiz sind in den letzten Jahren einige Online-Finanzdienstleister in den Markt eingetreten. Diese können dank verschlankter Online-Prozesse oft weitaus kundenfreundlichere und günstigere Dienstleistungen anbieten.

Nun will der Bund die Regulierungen zum Markteintritt solcher Fintechs anpassen. Andy Siemers, Mitgründer des Online-Crowdlenders LEND, zu den Chancen dieser Anpassungen für Fintechs und den Folgen für die Banken.

Der Bundesrat will die Spielräume erweitern und die Markteintrittshürden für Fintech-Unternehmen senken. Sie sind selbst Mitgründer eines Fintechs, der Kreditvermittlungsplattform LEND. Was sagen sie zu diesem Vorhaben?

Andy Siemers: Es ist höchste Zeit, dass die Schweiz merkt, wie wichtig die neuen Anbieter für die Zukunft des Finanzplatzes Schweiz sind. Andere Länder wie zum Beispiel China sind uns hier weit voraus. Dort laufen grosse Teile der Finanzbranche bereits digital. Zu lange haben die Banken die neuen Online-Anbieter von Finanzleistungen als nicht ernstzunehmende Nischenplayer betrachtet. Doch das wird sich nun ändern: Dank den regulatorischen Anpassungen haben neue Anbieter die Möglichkeit sich schneller zu entwickeln, und dies mit wohlbesonnen Sicherheitsleitplanken, wie das von der Schweiz erwartet wird. Zukunftsbringende Geschäftsmodelle werden sich nun vermehrt etablieren können – das ist es, was die Finanzbranche der Schweiz jetzt braucht.

Wie würde LEND von den Fintech-Anpassungen profitieren?

Andy Siemers: Es sind vor allem unsere Kunden, die profitieren werden. Zum Beispiel werden durch das Wegfallen der 20-er Regel (Aufteilung eines einzelnen Kredits in maximal 20 Teilbeträge) die Mindestgrössen der Anlagen im Peer-to-Peer-Modell kleiner. So können auch Anleger mit weniger Mittel an der attraktiven Anlageklasse teilhaben. Zudem können alle Anleger ihre Portfolios noch weiter diversifizieren und so noch zuverlässiger ihre Rendite ansteuern.

Generell unterstützen viele der Anpassung den von den Kunden erwarteten, aber oft fehlenden „gesunden Menschenverstand“ der Finanzanbieter. Um dies zu erreichen, hat das SECO in Zusammenarbeit mit der FINMA eigens eine Arbeitsgruppe eingerichtet, der LEND auch angehört. Hier werden Meinungen und Expertise aus der Fintech-Branche abgeholt – und finden Gehör.   Das stimmt mich sehr zuversichtlich für den Standplatz Schweiz.

Bedeuten diese Anpassungen das Ende der Banken?

Andy Siemers: Die regulatorischen Anpassungen werden sich bestimmt auch auf die Banken und die Finanzbranche ganz generell auswirken. Die Banken haben durch Kooperationen mit Fintechs bereits an der Digitalisierung schnuppern können. Mit dem Abbau der Markteintrittshürden werden die Banken nun wesentlich schneller handeln müssen und noch viel intensiver mit den neuen Online-Anbietern zusammenarbeiten, damit sie den Anschluss an die Digitalisierung nicht verpassen.

LEND hat sich auf Refinanzierungen spezialisiert – und refinanziert unter anderem Bankkredite. Wieso sollte eine Bank mit LEND zusammenarbeiten?

Andy Siemers: Dank verschlankter Online-Prozesse können wir Kreditanträge viel schneller und einfacher abwickeln. Das widerspiegelt sich in sehr attraktiven Konditionen für Kreditnehmer und Investoren. Für einen Kreditnehmer kann es sich darum lohnen, einen bestehenden Kredit – zum Beispiel von der Bank – zu unseren günstigeren Konditionen zu refinanzieren. Die Banken, auf der anderen Seite, können Produkte anbieten, für die es eine Bankenlizenz braucht – etwa die Vermögensverwaltung. Eine Kooperation mit einem Unternehmen wie unserem würde es einer Bank erlauben, ihren Kunden eine günstige und rentable Investitionsmöglichkeit anzubieten.

Auch die Sicherheit ist ein oft besprochenes Thema im Bereich Fintech. Können Fintech überhaupt die gleichen Sicherheits-Standards gewährleisten wie die Banken?

Andy Siemers: Bei LEND können wir höchste Sicherheitsstandards garantieren. Erst kürzlich haben wir eine Partnerschaft mit Intrum Justitia, dem grössten Kredit-Management-Unternehmen der Schweiz, im Bereich Kreditprüfung abgeschlossen. In der Vergangenheit war die Kreditprüfung den Banken vorbehalten. Durch neue Technologien, analytische Disziplin und dem Zugriff auf neue Datenbanken können Fintechs diese essenzielle Aufgabe nun gleich gut oder sogar besser erfüllen als bisher die Banken. Dank solchen Kooperationen können wir auch auf neuste IT-Lösungen zur Betrugsidentifizierung zurückgreifen. Ein sogenannter Device-Fingerprint erkennt etwaige betrügerische Absender sofort und blockiert diese.


Andy Siemers, Mitgründer des Online-Crowdlenders LEND (Bild: LEND)

Andy Siemers, Mitgründer des Online-Crowdlenders LEND (Bild: LEND)


Wie sieht die Bank der Zukunft aus?

Andy Siemers: Die Finanzwelt wird sich in den nächsten Jahren enorm verändern. Die Banken werden in vielen Bereichen zu langsam sein, um diese Veränderung massgebend mitgestalten zu können. Dazu gehört sicher das Kreditwesen – aber davon werden noch weitere Bereiche betroffen sein. Online-Anbieter werden sich etablieren, denn sie sind genügend nahe am Kunden und können auf dessen Anliegen schnell reagieren. Banken werden in Zukunft eher eine regulatorische Funktion einnehmen und im Hintergrund agieren. Das neue Gesicht der Finanzbranche werden die Fintechs sein.

 

Artikelbild: Andy Siemers (Bild: LEND)

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