Skrupelloser Handel mit Trinkwasser – Nestlé strebt auch bei uns Privatisierung an

15.08.2015 |  Von  |  Allgemein, Produkte

Geschätzte Lesezeit: 10 minutes

Keine Beiträge mehr verpassen? Hier zum Newsletter anmelden!
Skrupelloser Handel mit Trinkwasser – Nestlé strebt auch bei uns Privatisierung an
5 (100%)
4 Bewertung(en)

Das grösste Schweizer Unternehmen Nestlé hat schon in vielen Ländern das Monopol auf die örtlichen Wasserquellen. Nachdem der international agierende Konzern Trinkwasser in Ländern wie Armenien und Pakistan bereits privatisiert hat, sollen noch viele weitere Länder folgen. Auch Europa und damit Deutschland und die Schweiz sind im Visier.

Für den weltgrössten Nahrungsmittelkonzern Nestlé ist Wasser kein menschliches Grundrecht, sondern das perfekte Handelsgut (siehe Video unten). Obwohl der Konzern mit seinen zahllosen Produkten weltweit riesige Umsätze macht, giert er nach mehr – nach den Wasserrechten und damit nach dem Wassermonopol.

Nestlés Produktpalette umfasst zu 23 % Getränke, flüssig oder als Pulver. 7 % sind Wasserprodukte, 19 % Milchprodukte und Eis. Dazu kommen Fertiggerichte, Süsswaren, Tiernahrung und diverse Gesundheitsprodukte. Wir alle wissen, dass für die industrielle Herstellung solcher Produkte sehr viel Wasser benötigt wird.

Dem niedlichen Vogelnest sind Raubvögel entflogen – die Geschichte des Konzerns

Wir alle haben viele Jahrzehnte lang mit dem Namen Nestlé vor allem Positives verbunden. Das Logo mit dem Vogelnest kennt wohl jeder; man hatte lange Vertrauen in die bekannte Schweizer Marke. Die Erfolgsgeschichte des Megakonzerns begann mit dem Schweizer Apotheker Henri Nestlé. Er stellte 1867 erstmals lösliches Milchpulver her, das als Muttermilchersatz fungierte. 1874 zog sich der Gründer zurück und verkaufte sein Unternehmen.

Im selben Jahr stieg es in den deutschen Markt ein und ein neues Produkt kam auf den Markt, das „Milchmädchen“, eine süsse Kondensmilch, die als Ersatz für flüssige Milch verwendet wurde. Auch die Erfindung der Milchschokolade soll auf den Konzern zurückgehen. 1938 wurde der erste lösliche Kaffee, der Nescafé, erfunden. 1945: Nestlé und Maggi fusionieren. 1974 tritt der Konzern erstmals in das deutsche Mineralwassergeschäft ein, durch die Mehrheit an der Blaue Quellen Mineral- und Heilbrunnen AG. 1979 wird von Maggi die 5-Minuten-Terrine erfunden.


Das „Milchmädchen“, eine süsse Kondensmilch. (Bild: ©  BMK Wikimedia, Original - CC by-sa 3.0)

Das „Milchmädchen“, eine süsse Kondensmilch. (Bild: © BMK Wikimedia, OriginalCC by-sa 3.0)


Viele Fusionierungen folgten in den nächsten Jahren u. a. mit Bübchen, Dallmayr und Herta Wurstwaren. Übernommen werden der Tiernahrungshersteller Matzinger und die englische Süsswarenfabrik Rowntree Macintosh GmbH. 1990 steigt Nestlé mit der ehemals italienischen Marke Buitoni in den deutschen Pasta-Markt ein. Es folgt die Übernahme der Mineralwasser – und Tafelwassermarken Perrier und Sanpellegrino. Im Bereich Tiernahrung ist Nestlé Weltmarktführer durch die Übernahme des amerikanischen Konzerns Ralston Purina. 2002 fusionierte man im Bereich Speiseeis mit dem US-amerikanischen Hersteller Dreyer’s, 2006 übernahm man den Konzern ganz und wurde auch Weltmarktführer im Segment Speiseeis. Auch im Bereich Tiefkühlprodukte ist das Unternehmen führend. 2010 wurde Wagner übernommen, um den deutschen Markt gegen Dr. Oetker und die Freiberger Gruppe zu dominieren.

Seit 2006 gibt es ein Joint Venture von Nestlé mit Lactalis  unter dem Namen „Lactalis Nestlé Produits Frais“. Dieses Projekt erstreckt sich über Frankreich, Italien, Spanien, Luxemburg, Belgien, das Vereinigte Königreich, Irland, Portugal und die Schweiz. Damit ist Nestlé Weltmarktführer in der Milchindustrie.

2007 wurde der US-amerikanische Kindernahrungshersteller Gerber übernommen und Nestlé wurde auch hier weltweit die Nr. 1. 2010 übernahm man Kraft Foods aus Amerika und beherrscht nun auch den Weltmarkt im Bereich Tiefkühlpizza.

Bei Wikipedia findet sich eine komplette Liste alle Nestlé-Marken.

Erste Skandale in den 70er Jahren – Nestlé-Produkte liessen Muttermilch versiegen

Nestlé scheute schon früh keine aggressiven Verkaufsmethoden. So verkleidete sich in den 1970er- und 1980er-Jahren das Verkaufspersonal als Krankenschwestern, um Gratisproben in Krankenhäusern zu verteilen, die zum Versiegen der Muttermilch führten und damit Nestlé-Produkte notwendig machten. Entsetzlicherweise führte das auch zu Tod und Gesundheitsschäden bei Säuglingen, weil die ärmeren Mütter die Nahrung mit verschmutztem Wasser zubereiteten.  Nestlé verklagte die Urheber eine Studie von 1974 mit dem Titel „Nestlé tötet Babys“ zu einer Busse. Der Konzern erhielt lediglich eine Ermahnung durch den Richter. Schliesslich gab man nach und erklärte die Einhaltung des „Internationalen Kodex für die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten“. 1999 kam Kritik auf wegen gentechnisch veränderter Zutaten in Schokoriegeln. Obwohl Nestlé 2001 ein Protokoll zur Beendigung von Kinderarbeit und -sklaverei in der Kakao-Industrie unterzeichnet hat, deckte die deutsche ARD 2010 auf, dass Nestlé, Kraft Foods und Mars Inc. weiterhin Kinderarbeit in Kauf nehmen. 2011 stellte sich heraus, dass die 2001 unterschriebenen Massnahmen nicht eingehalten wurden.

2009 erschien der US-amerikanische Dokumentarfilm „Abgefüllt“, der aufzeigt, wie der Konzern Wasser in ländlichen Gebieten einfach abpumpt, um es dann mit Gewinn zu verkaufen. 2012 kam ein ähnlicher Film auf den Markt: „Bottled Life – Nestlés Geschäfte mit dem Wasser“. Hier sieht man, wie der Konzern besonders skrupellos in der Dritten Welt vorgeht und auf korrupte Weise mit den Regierungen zusammenarbeitet, um armen Gegenden das Wasser abzupumpen, das Reicheren verkauft wird.



Auch in anderen Bereichen hagelt es immer wieder Kritik am Konzern. 2007 wurde Nestlé der Negativpreis „Black Planet Award“ von der Stiftung Ethik & Ökonomie verliehen. Denn in vielen Bereichen macht sich der Weltkonzern vor allem in den Punkten Zerstörung und Ruin der Umwelt einen Namen.

Wasser abzapfen und in Flaschen füllen – fertig ist das Geschäftskonzept

Henri Nestlé erfand damals nicht nur das erste Milchpulver für Babys, sondern er gründete auch eine Fabrik für Wasser. Er machte aus einfachem Leitungswasser Tafelwasser und verkaufte dieses an Gaststätten. Leider ist der Konzern dieser Tradition bis heute treu geblieben und versucht überall, wo es geht, Wasserquellen anzuzapfen und wiederzuverkaufen. 1969 stieg Nestlé erstmals in die Flaschenwasserindustrie ein. Dieses Flaschenwasser, das meist kein bisschen gesünder ist als Wasser aus der Leitung, boomt. Es gilt als kalorienfreier Durstlöscher und gesunde Alternative zu Limonaden und Säften.

1989 beschloss der Konzern, noch mehr Wasser auf den Markt zu bringen. Man wollte Perrier übernehmen, was 1992 gelang. Der Einkauf des Wassers kostet den Konzern ein paar Cent pro Liter, wir Verbraucher zahlen mehr als einen Franken bzw. Euro dafür. Aktuell werden ca. 89 Milliarden Liter Wasser in umweltverschmutzende Plastikflaschen gefüllt. Nestlé, Danone, Coca-Cola und Pepsi teilen sich die Einnahmen. Wir alle kaufen das Wasser von Nestlé, seine Marken heissen u.a. Vittel, Pellegrino, Perrier, Neuselters. Danone besitzt Evian, Volvic, Badoit, Coca-Cola das beliebte Tafelwasser Bonaqa.


Nestlé machte aus einfachem Leitungswasser Tafelwasser und verkaufte dieses an Gaststätten. (Bild: © Smokedsalmon - shutterstock.com)

Nestlé machte aus einfachem Leitungswasser Tafelwasser und verkaufte dieses an Gaststätten. (Bild: © Smokedsalmon – shutterstock.com)


Der Konzern visiert immer mehr Wassernutzungsrechte an – weltweit

Wer glaubt, das Recht des Menschen auf Wasser wäre unantastbar, der irrt anscheinend. Im folgenden Video erklärt Nestlé-Verwaltungsratschef Peter Brabeck, dass dem in den Augen des Weltkonzerns nicht so ist. Wasser brauche einen Marktwert wie alle anderen Lebensmittel. Nestlé erwirbt zurzeit eifrig in verschiedenen Ländern die Wassernutzungsrechte, wie z.B. in Algerien und Pakistan. Wie in den Anfangstagen des Konzerns wird vor Ort lediglich das Wasser abgezapft und teuer verkauft. Die ansässige Bevölkerung hat keinen Zugang mehr zu den Quellen.

Das dauernd mit Dürre und Hunger kämpfende Äthiopien ist nächstes Ziel. Angeblich soll eine lokale Produktion von Flaschenwasser den Einwohnern den Zugang zum Wasser erleichtern. Doch man arbeitet mit dem grössten Mineralwasserproduzenten des Landes zusammen und wird das Wasser der Bevölkerung sicher nicht umsonst lassen. Noch viel schlimmer: Der Konzern verlangte im Jahr 2002 allen Ernstes eine Entschädigung von diesem dauergebeutelten Land in einer Höhe von 5,8 Millionen Dollar, weil dessen Regierung 1975 eines der zahllosen Nestlé-Unternehmen verstaatlichte. Wie man sich denken kann, steht das Land dadurch sehr unter Druck…

Der Schweizer Konzern verdient mit seinen insgesamt 73 Wassermarken weltweit pro Jahr ca. 6 Milliarden Euro. Pro Kopf werden ca. 35 Liter Flaschenwasser verbraucht. Mexikaner und Deutsche sind allerdings Spitzenreiter, mit 201 und 135 Litern pro Kopf.



Auch in Brasilien kaufen Nestlé und Coca-Cola neuerdings Grundstücke und Gebiete, von denen sie wissen, dass sie Wasserquellen haben. Bekannt wurde das erst, als man versuchte, sich an den Wasserpark von São Lourenço heranzumachen.

Trinkwasser von privaten Anbietern? Längst Realität – bald auch bei uns

Mensch, Tier und Umwelt sind absolut abhängig vom Wasser. Nun droht uns das Horrorszenario, dass wir für das lebenserhaltende Gut zahlen müssen! Dadurch werden grosse Massen an Menschen abhängig von einzelnen Unternehmen. Weil Nestlé und Co. Wasser klammheimlich zum Handelsgut erklärt haben, stehen wir bald vor einem Supergau. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Kriege um den Rohstoff Wasser geführt werden. Absolut fatal dabei: Je mehr die Bevölkerung auf sauberes Wasser angewiesen ist, umso grösser wird der Umsatz für die skrupellosen Konzerne.

Aktuell haben 748 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Industriestaaten verbrauchen dagegen Unmengen an Wasser für die Herstellung aller möglicher Produkte und Nahrungsmittel. Für die Produktion von Rindfleisch werden grosse Mengen an Wasser verbraucht. 1 Kilogramm Rindfleisch benötigt 15’415 Liter Wasser. Solche Zahlen verdeutlichen, welch grosse Rolle Wasser auch in unserer Wirtschaft spielt und warum Nestlé und Co. auch bei uns eine Privatisierung von Wasser anstreben. Und in Zukunft werden wir immer mehr Wasser benötigen: Die Umweltverschmutzung, die wachsende Bevölkerung, der Klimawandel – all diese Entwicklungen fordern ihren Tribut.


Wasser wird bereits in vielen Ländern privatisiert. (Bild: © TAGSTOCK1 - shutterstock.com)

Wasser wird bereits in vielen Ländern privatisiert. (Bild: © TAGSTOCK1 – shutterstock.com)


Wir alle sind nun dazu berufen, Nestlé, Danone und Coca-Cola den Hahn zuzudrehen und Widerstand gegen diese Machenschaften zu leisten. Aktuell gibt es einige Kampagnen und Bewegungen, die dazu aufrufen, Nestlé Produkte zu boykottieren. Vielleicht wird der Konzern dadurch wachgerüttelt.

Quellen und weiterführende Literatur und Links:

  • Friedhelm Schwarz: Nestlé. Macht durch Nahrung. DVA, Stuttgart 2000, ISBN 3-421-05331-6, S. 295.
  • Klaus Werner, Hans Weiss: Das neue Schwarzbuch Markenfirmen: Die Machenschaften der Weltkonzerne. Ullstein Taschenbuch, 2010, ISBN 978-3-548-37314-0, S. 400.
  • Arbeitsgruppe Dritte Welt Bern: Exportinteressen gegen Muttermilch. Der tödliche Fortschritt durch Babynahrung. Rowohlt TB-V., 1976, ISBN 978-3-499-14065-5, S. 136.

Filme:

  • Peter Krieg: Dokumentarfilm. 26 min, 1975, Silbermedaille International Festival Science & Technology, Tokyo 1976
  • Urs Schnell, „Bottled Life – Die Wahrheit über Nestlés Geschäfte mit dem Wasser.“ Dokumentarfilm, 90 min, 2012, Verleih FRENETIC FILMS AG, Zürich.

 

Oberstes Bild: © Riccardo Mayer – shutterstock.com


Ihr Kommentar zu:

Skrupelloser Handel mit Trinkwasser – Nestlé strebt auch bei uns Privatisierung an

Für die Kommentare gilt die Netiquette! Erwünscht sind weder diskriminierende bzw. beleidigende Kommentare noch solche, die zur Platzierung von Werbelinks dienen. Die belmedia AG behält sich vor, Kommentare ggf. nicht zu veröffentlichen.