Wer fragt, der führt

16.06.2015 |  Von  |  Selbstmanagement

Geschätzte Lesezeit: 8 minutes

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Wer fragt, der führt
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Wer was wann von wem erfährt. Was davon den Kern der Sache trifft und was nur aufgebauschtes Gerede ist oder ausgeschmückte Phantasie. Wer wem was glaubt… und was eben nicht.

Spätestens, wenn ein Unternehmen in unruhige Gewässer vordringt, wird klar, was alles schief laufen kann, wenn Menschen miteinander im betrieblichen Kontext kommunizieren – und nicht nur dort.

Margarethe ist Eigentümerin und Geschäftsführerin eines holzverarbeitenden Unternehmens. Sie hat den elterlichen Betrieb bereits vor langer Zeit übernommen und führt ihn mit Leidenschaft und Engagement. Schon als junge Frau war klar, wohin ihr Berufsweg einmal führen würde – und so ist es auch gekommen. Bis heute.

Trotz ihres Einsatzes ist es ihr lange nicht gelungen, eine stabile Führungsmannschaft aufzubauen. Irgendwie und irgendwo war fast immer der Wurm drin – und was ein Wechsel in der zweiten Führungsebene alle 2-3 Jahre für ein Unternehmen mit 60 Mitarbeitern bedeutet, liesse sich in harten Zahlen darstellen …

Unterhaltsam, inspirierend, informativ: In seinem Blog schreibt Michael Defranceschi darüber, warum motivierte Mitarbeiter so gefährlich sind, wie man Change Management berechnen kann und woran man einen guten Coach erkennt.

Das Missverständnis

Franz ist Produktionsleiter dieses Unternehmens – und inzwischen eine für Margarethe kaum mehr wegzudenkende Stütze. Um ein Haar wäre es jedoch anders gekommen.

Nachdem sein vorheriger Arbeitgeber in den Konkurs geschlittert war und er mit der darauffolgenden – wenn auch nur kurzen – Arbeitslosigkeit ziemlich zu kämpfen hatte, war er überglücklich über die Stelle, die Margarethe ihm angeboten hatte. Die finanziellen Einbussen seien für ihn kein Problem, hatte er gemeint. Auch nicht, dass sein Büro in der Produktion zu Beginn…naja, lassen wir das.

Margarethe hatte ihm ja im ersten Vorstellungsgespräch schon angekündigt, im Zuge eines anstehenden Umbaus würde auch für ihn ein akzeptables Büro geschaffen. Vorerst müsse man halt mit dem provisorischen Schreibtisch dort in der Ecke zurecht kommen…

Als es dann – nach fast einem Jahr – endlich ernst wurde mit dem Umbau, hatte Franz sich bereits aktiv auf dem Arbeitsmarkt nach einer neuen Stelle umgesehen. Für ihn war der provisorische Arbeitsplatz, über den in der Folge so lange Zeit kein Wort mehr gesprochen worden war, zu einem echten Problem geworden: Womöglich führe Margarethe doch etwas ganz anderes im Schilde? Eine nochmalige Umstrukturierung? Sei mit seiner Leistung doch nicht zufrieden…?

Immer noch unter dem Eindruck seines vorherigen Arbeitsplatzverlusts hatte sich der stämmige, menschlich und fachlich hoch kompetente Mittvierziger ganz einfach nicht getraut, das Thema offen anzusprechen…und sich über die Monate hinweg in einen regelrechten Verfolgungswahn hineingesteigert.

In diesem Fall ist es noch einmal gut gegangen und die Nebel haben sich zuletzt rasch wieder verzogen. Sicherheitstechniker würden das als „Beinahe-Unfall“ bezeichnen.

Die Macht der Gewohnheit

Von aussergewöhnlichen Führungskräften wird berichtet, sie hätten sich den Kontakt zur Belegschaft zu einer wirkungsvollen Gewohnheit gemacht. Der regelmässige Besuch in der Produktion gehöre zum gerne gepflegten Ritual, die persönliche Begegnung mit den Menschen an ihren Arbeitsplätzen – dort, wo das Herz des Unternehmens schlägt.

Wer fragt, der führt – im persönlichen, respektvollen Gespräch zwischen Führungskraft und Mitarbeiter: „Und? Wie läuft’s? Kommen Sie klar mit der neuen Maschine?“

Bewährte Strukturen

Sich miteinander an einen Tisch zu setzen, aktuelle Informationen auszutauschen und gemeinsam tragfähige Lösungen für anstehende Herausforderungen zu entwickeln, gehört in den meisten Unternehmen zum Tagesgeschäft. Genauso wie langatmige und letztlich ergebnislose Sitzungen. Der Kongress tanzt.

Wer fragt, der führt – in gut strukturierten Meetings, die tatsächlich dazu herausfordern, sich aktiv zu beteiligen…und sei es zu Beginn auch nur dadurch, dass sich jede/r einmal dazu bereit erklärt, ein paar Brötchen für das Gemeinwohl beizusteuern.


Wer fragt, der führt – in gut strukturierten Meetings, die tatsächlich dazu herausfordern, sich aktiv zu beteiligen. (Bild: © Monkey Business - fotolia.com)

Wer fragt, der führt – in gut strukturierten Meetings, die tatsächlich dazu herausfordern, sich aktiv zu beteiligen. (Bild: © Monkey Business – fotolia.com)


Wir werden immer besser

Der so lange hinausgeschobene Umbau, der für die letztlich hervorragende Zusammenarbeit zwischen Margarethe und Franz beinahe zum Verhängnis geworden wäre, ist inzwischen abgeschlossen. Doch wie es so ist mit neuen, perfekten Umständen: Sie halten selten lange an. Bereits wenige Tage nach Abschluss der Umbaumassnahmen waren erste kleinere und grössere Verschmutzungen und Abnutzungen erkennbar, rasch zeigten sich die neuen Problemzonen.

Wer fragt, der führt – durch ein klar strukturiertes betriebliches Vorschlagswesen, das auch tatsächlich gelebt wird. Ob mit oder ohne Ehrungen oder Prämien für den besten Verbesserungsvorschlag ist nebensächlich. Wirklich wertvoll, lukrativ und im harten Wettbewerb existenzsichernd ist die Wachheit und Aufmerksamkeit aller im Betrieb Tätigen für mögliche Verbesserungen – nicht selten machen die scheinbaren Kleinigkeiten einen grossen Unterschied.

Wir wollen es genau wissen

Längst gehören auch regelmässige Kunden- und Mitarbeiterbefragungen zum vertrauten Repertoire der Geschäftsleitungen. Vom kostenlosen Download aus dem Internet oder selbstgestrickten Standardfragebogen bis zur Strategischen Mitarbeiterbefragung reicht hier die Bandbreite der verfügbaren Angebote.

Wer fragt, der führt – mit einem vernünftigen Befragungsinstrument, das aussagekräftige, handlungsanleitende Ergebnisberichte auf Basis eines systemisch entwickelten und auf die Unternehmensziele abgestimmten Fragenkatalogs bereitstellt.

Was macht uns eigentlich aus?

Wirklich hart wird’s, wenn’s um die weichen Themen geht: Was macht uns eigentlich aus? Was ist unsere Kernkompetenz? Was würde der Welt fehlen, wenn es unser Unternehmen nicht gäbe?

Spätestens seit den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts ist es in vielen Unternehmen üblich, dem eigenen Tun ein Leitbild voranzustellen: Halte dir ein einfaches, klares Bild vor Augen, an dem du dich bei deinen alltäglichen Aufgaben orientieren kannst und das dich durch die Turbulenzen leitet.

Das erinnert mich irgendwie an den alten christlichen Brauch, die Räume mit einem Kruzifix zu schmücken. Und allzu oft kommt auch dem Leitbild ein ähnliches Schicksal zu wie Letzterem: Es gerät in Vergessenheit und verkommt in einer selten beachteten Ecke oder Schublade als unauffälliger Staubfänger.

Wer fragt, der führt – indem Rahmenbedingungen geschaffen werden, unter denen sich ein Gespür für verbindliche Werte entwickeln kann. Werte, die von den handelnden Personen freiwillig und authentisch gelebt und nicht einseitig durch die Führung vorgegeben werden. 

Nein, der Weg ist nicht das Ziel.

Verbindlichkeit in gemachten Zusagen, respektvolle Alltagskontakte. Eine angemessene Besprechungskultur und ein gelebter kontinuierlicher Verbesserungsprozess. Hochwertige Mitarbeiterbefragungen und zeitgemässe Reflexionstools für Unternehmen.

Das alles sind – mit Verlaub – wertlose Bemühungen, wenn Unternehmen den eingeschlagenen Weg nicht bis zum Ende gehen.



Laut der Ende 2014 erschienenen ersten Schweizer Studie zu Mitarbeiterbefragungen sehen 89% der teilnehmenden Betriebe die grössten Herausforderungen in der Massnahmenplanung. Mehr als die Hälfte dieser Betriebe verpflichten ihre Führungskräfte, aktiv mit den Befragungsergebnissen zu arbeiten – und erreichen dadurch eine um 43% höhere Zufriedenheit.

Wer fragt, der führt also. Sofern aus Fragen tatsächlich Führen wird.

 

Oberstes Bild: © contrastwerkstatt – fotolia.com

Über Michael A. Defranceschi

beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit dem Themenbereich „Mensch und Leistung“, seit 2005 als selbständiger Trainer, Berater und Coach.
Als nach internationalem Standard zertifizierter Business Coach und Business Trainer ist er Mitglied der Expertsgroup Wirtschaftstraining & Coaching.

Der von ihm entwickelte softwarebasierte Beratungsansatz Quod.X® - Fact Based Company Coaching zeichnet sich aus durch hohe Effizienz bei minimalem Zeitaufwand und bewährt sich insbesondere in der Teamentwicklung im Dienstleistungsbereich.


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