Wie es um die Willensfreiheit bestellt ist – oder: Coaching-Anthropologie

04.06.2015 |  Von  |  Selbstmanagement
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Wie es um die Willensfreiheit bestellt ist – oder: Coaching-Anthropologie
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Sokrates war doof. Wusste nichts. Ludwig Wittgenstein war klüger. Er meinte, worüber man nicht sprechen könne, darüber müsse man schweigen. Okay, man muss ja nicht ungefragt zu allem seine Meinung kundtun.

Vor Kurzem wurde ich wieder mal auf den Neurowissenschaftler Benjamin Libet aufmerksam gemacht. Er hat die Behauptung aufgestellt, dass unser Handeln – selbst wenn es aus seinem Entschluss heraus erfolgt – von unbewussten Prozessen im Gehirn gesteuert werde, die wir – folgerichtig – also gar nicht beeinflussen könnten. Neue Erkenntnisse in der Gehirnforschung sollen das erhärten.

Ja sind die denn verrückt geworden? Für vernunftbegabte Individualisten wird hier ganz klar eine Grenze überschritten: dann, wenn der freie Wille des Menschen angezweifelt wird.

Doch jetzt mal ernsthaft.

Wir haben ein Hochschulstudium abgeschlossen – viele mit respektablem Erfolg. Unsere Fort- und Weiterbildungen, unsere Meisterbriefe. Unsere Abiturzeugnisse, Real- und Hauptschulabschlüsse. Dazu jahrelange Erfahrung in der Ausübung unseres Berufs …

Wir sind kompetent!

Wir haben qualitätsgeprüfte HR-Prozesse in unseren Unternehmen implementiert. Führen regelmässig Gespräche mit unseren Mitarbeitern. Arbeiten mit Betriebsvereinbarungen und Incentives. Mit Arbeitszeitmodellen, Privilegien und Sonderrechten – alles hochkomplexe Systeme mit der gleichen Zielsetzung: Sie verhelfen uns dazu, immer besser zu werden.

Höher, schneller, weiter als die Konk…, ich bitte um Entschuldigung, als der hoch geachtete Wettbewerb.

Und da kommen die schon lange nicht mehr unter uns weilenden klugen Männer mit ihren abwegigen Erkenntnissen daher. Sicher haben die nie ein Unternehmen oder eine Abteilung geführt, geschweige denn an einer Werkbank gearbeitet?

All unsere Bemühungen!

Unsere Anstrengungen sind aller Ehren wert. Seht, was wir schon alles geschafft haben! Das Rad erfunden, die Dampfmaschine, die Eisenbahn, das Flugzeug, die Rakete zum Mond. Nach dem Krieg das Wirtschaftswunder, dann der Computer, die digitale Revolution. Heute leben wir in einer freiheitlichen Demokratie, die sich zu Ökologie und Nachhaltigkeit bekennt und sich „Lebensqualität für alle“ auf die Fahnen geschrieben hat.

Lebensqualität für alle. Na ja, jedenfalls für diejenigen, welche die gleiche Denke haben wie wir.

Zugegeben, einige Aufgaben liegen noch vor uns. Der Zinseszins zum Beispiel ist ein Problem. Die Alterung der Gesellschaft. Der Haarausfall bei Männern. Die Schuld für die meisten Dinge tragen unsere Politiker und die Reichen mit ihrer Gier. Ausgenommen der Haarausfall. Dafür können sie nichts. Wahrscheinlich.


Haben wir unser Leben selbst in der Hand oder ist es nur eine Illusion? (Bild: enterlinedesign – shutterstock.com)

Haben wir unser Leben selbst in der Hand oder ist es nur eine Illusion? (Bild: enterlinedesign – shutterstock.com)


DOCH SONST GEHT’S UNS GUT, ODER NICHT?

Unser Wissen, unser Fleiss, unsere Kraft – sie haben uns weitergebracht. Nicht zu vergessen unser Wille. Wir können ihn messen und trainieren. Wir kreieren unsere Wirklichkeit, wir machen uns die Erde untertan, gerade so, wie es uns in den Sinn kommt.

***

Es ist bisweilen wahrlich eine Aufgabe, diese widersprüchlichen Gesichtspunkte in Einklang zu bringen, zu begreifen und als sinnvolle Einheit zu erkennen.

Sie sind nun mal nicht wegzudiskutieren. Diese offenkundigen Indizien, dass es um die menschliche Freiheit doch nicht so gut steht, wie es den Anschein hat.

Oder sind Sie schon einmal mit Ihrer Frau bzw. Ihrem Mann über eine gewöhnliche Zahncremetube in einen Streit geraten? Glauben Sie wirklich, sie (oder er) würde das dumme Ding mit Absicht einfach herumliegen lassen?

Keineswegs. Wir verhalten uns definitiv in vielen Bereichen unseres Lebens wie geistlose Programme. Übrigens, die Matrix lässt grüssen.

Sollte das, was heutige Neurowissenschaftler herausfinden, auch nur ansatzweise richtig sein, dann wäre es inmitten von Gewohnheiten und Routinen mit unserer Entscheidungsfreiheit tatsächlich nicht weit her.



Sind Coaching oder Therapie dann zwecklos?

Und diejenigen würden recht behalten, die es schon immer zu wissen glaubten: Der Mensch lernt nichts dazu.

Ja. Glauben manche, die die wahren Ursachen der Sache herausgefunden haben. Der Zenmeister und Konfliktcoach Peter D. Zettel, der Psychoanalytiker Otto F. Kernberg oder der Hirnforscher Gerhard Roth.

Nein. Glauben manche, die die wahren Ursachen der Sache herausgefunden haben. Der französische Philosoph und Dramatiker Jean-Paul Sartre und der österreichisch-britische Philosoph Karl Popper zum Beispiel.

Ja und nein. Glaubt einer, der die wahren Ursachen der Sache herausgefunden hat: der Philosoph Arthur Schopenhauer. Er behauptet, dass der Mensch zwar tun könne, was er wolle, aber er könne nicht wollen, was er wolle.

Doch was soll dann all dieses Gehabe um Selbsterfahrung, Selbsterkenntnis und Selbstoptimierung? Um es schlicht und einfach zu sagen: Es funktioniert in der Praxis. Sich selbst intensiver wahrzunehmen und zu beobachten, sich selbst vertrauter werden. Es hat also was für sich.



Merkst du denn, was du da tust?

So kann es tatsächlich hinhauen: Konsequent und regelmässig auf das schauen, was in uns vor sich geht. Was wir im geschäftlichen Alltag bemerken und was uns etwas zu bedeuten scheint.

Es bleibt allerdings nicht nur bei einer Momentaufnahme. Selbsterkenntnis findet nicht nur einmal statt, sondern muss regelmässig geübt werden.

Muster erkennen. Damit vertraut werden. Neue Dinge ausprobieren. Handlungsspielräume ausdehnen. Und weitermachen. – Und nichts dramatisieren, auch wenn vieles immer wieder von Neuem geschieht.

Wer mit der nötigen Ruhe ans Werk geht und glaubt, er könne die Inhalte seines Lebens in kurzer Zeit umwerfen und wieder neu zusammensetzen, kann seinen Gewinn daraus ziehen.

Vielleicht bietet sich ja mal der Moment, in dem man Sokrates, Wittgenstein und Libet zum Kaffee trifft und sich darüber wundert, wie wenig man selbst in der Hand hat.

Und dann zugleich etwas mehr Geduld mit sich selbst haben. Die eigenen Grenzen zu respektieren – und dadurch neue Spielräume zu bekommen.

 

Bild: © Jirsak – shutterstock.com

Über Michael A. Defranceschi

beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit dem Themenbereich „Mensch und Leistung“, seit 2005 als selbständiger Trainer, Berater und Coach.
Als nach internationalem Standard zertifizierter Business Coach und Business Trainer ist er Mitglied der Expertsgroup Wirtschaftstraining & Coaching.

Der von ihm entwickelte softwarebasierte Beratungsansatz Quod.X® - Fact Based Company Coaching zeichnet sich aus durch hohe Effizienz bei minimalem Zeitaufwand und bewährt sich insbesondere in der Teamentwicklung im Dienstleistungsbereich.


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