Work-Life-Balance – vom Möglichen des Unmöglichen

03.06.2015 |  Von  |  Selbstmanagement

Geschätzte Lesezeit: 8 minutes

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Work-Life-Balance – vom Möglichen des Unmöglichen
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Sie balancieren auf einem schmalen Bergrücken. Rechts und links die jäh abfallenden Felswände. Auf der einen Seite die Schlucht „Work“, auf der anderen die Schlucht „Life“.

Aber Sie bleiben unbeirrt, halten sich im Gleichgewicht. Gratulation! Sie haben alles im Griff!

Der Hamburger Diplom-Psychologe und Arbeitsexperte Rainer Müller hat zu diesem Thema in den sozialen Medien soeben eine Diskussion entfacht. Und dort geht ja alles rasch vonstatten: Artikel teilen, kommentieren – und ab geht die Post. Wer sich um sein Netzwerk kümmert, bekommt Rückmeldung: Bekräftigung, Berichtigung, Ergänzungen und Querverweise – ein Paradies für interessierte Menschen eben.

Unterhaltsam, inspirierend, informativ: In seinem Blog schreibt Michael Defranceschi darüber, warum motivierte Mitarbeiter so gefährlich sind, wie man Change Management berechnen kann und woran man einen guten Coach erkennt.

Doch wie wird die Zeit gewertet, während ich im Internet surfe, lese, kommentiere? Als Arbeit? Als Freizeit? Oder beides gleichzeitig?

Der Titel des geteilten Artikels lautete übrigens: „Work-Life-Schizophrenie“. Ich fand ihn ausgezeichnet. Allerdings habe ich nun ständig dieses Bild vor Augen: einen Artisten mit Balancierstange – voller Geschick und Eleganz: als wäre das Bild gemalt.

Achtung, Arbeit!

Wahrscheinlich kennen Sie den kürzesten Selbstständigen-Witz schon, oder? Für sich selbst, und das ständig. Damit könnte das Thema auch schon beendet sein. Zum Glück ist es nicht ganz so einfach.

Vor vielen Jahren stellte mir einer meiner ersten Auftraggeber, mit dem ich bereits befreundet war, eine aufschlussreiche Frage. Er wollte von mir wissen, wie hoch denn tatsächlich der Zeitaufwand für den erfolgreichen ersten Workshop war, den ich zu Beginn unserer Zusammenarbeit mit der Geschäftsleitung seines Unternehmens durchgeführt hatte.

Mir lag dieser Auftrag damals sehr am Herzen, weil mich das Thema brennend interessierte – und dementsprechend hatte die Zeit der Vorbereitung bestimmt eine Woche in Anspruch genommen. Wie viel Zeit ich genau investiert hatte, war mir nicht mehr in Erinnerung.

Ob ich denn über meine Arbeitszeit nicht Buch führen würde? Nein, sagte ich – wem sollte das nützen?

Okay, seit diesem Gespräch mache ich Aufzeichnungen. Ziemlich detaillierte sogar – und habe dabei viel über mich erfahren. Darüber, welche Arbeiten ich eher liegen lasse. Und darüber, welche Arbeiten ich auch an einem verregneten Samstagvormittag in Angriff nehme … einfach deshalb, weil ich sie gern mache.


Doch manchmal ist es einfach an der Zeit, die Bürotür hinter sich zuzumachen und mal abzuschalten. (Bild: © Frank Gärtner - fotolia.com)

Doch manchmal ist es einfach an der Zeit, die Bürotür hinter sich zuzumachen und mal abzuschalten. (Bild: © Frank Gärtner – fotolia.com)


Mancher meint, man könne dann gar nicht mehr von Arbeit sprechen. Wenn sie einem Spass macht.

Achtung, Freizeit!

Doch manchmal ist es einfach an der Zeit, den Laptop zuzuklappen, das Handy abzustellen, die Bürotür hinter sich zuzumachen und mal abzuschalten. Einen Abend mit Freunden verbringen. Am See spazieren gehen. Einen Ausflug mit der Familie ans Meer machen. Einfach mal zur Ruhe kommen.

Und dann begegnest du einem interessanten Menschen. Er erzählt dir bereits nach kurzer Zeit der Bekanntschaft sehr offen von sich selbst. Von seinen Erfolgen und den bevorstehenden Aufgaben. Von seinem Scheitern, dem Leiden daran und den Lehren, die er daraus gezogen hat.

Schon steckst du wieder mittendrin in der Arbeit. Als Coach jedenfalls. Im Hintergrund aktivierst du alles, was du die Jahre über gelernt und verstanden, worüber du Klarheit gewonnen hast. Natürlich werden die Visitenkarten ausgetauscht. Ich denke, darüber müssten wir noch mal in aller Ausführlichkeit sprechen.

Oder dann ist da diese Kollegin, dir schon lange bekannt als grossartige Architektin. Am späten Abend (oder am frühen Morgen – je nach Standpunkt) fragt jemand an der Bar, wie es denn so gehe. Sie fängt an, von einem laufenden Projekt zu erzählen und verlässt die Geburtstagsfeier eine Stunde später mit der Visitenkarte eines Geschäftsmanns, der gerade mit einem Problem der gleichen Art beschäftigt ist.

Auch der Krankenpfleger. Er nimmt sich nach anstrengenden Wochen mit vielfältigen Belastungen einige Tage frei und fährt mit seiner Familie in die Berge. Seine Frau hat eine lästige Grippe endlich überstanden, die Kinder sind mit ordentlichen Halbjahreszeugnissen nach Hause gekommen – obwohl es zuletzt nicht immer danach aussah. Nun endlich einige Tage Ski fahren: Spass und Erholung in frischer Bergluft, mal die Krankenhausatmosphäre vergessen.

Schon am zweiten Tag ein kleiner Unfall: Der Kleine hat sich den Knöchel verstaucht. Statt Skifahrvergnügen sind kalte Wickel angesagt und Vorlesetage in der Ferienwohnung. Er geht wieder ganz in seiner Rolle auf. Das ist eben sein Lebensinhalt.


Einen Ausflug mit der Familie ans Meer machen. Einfach mal zur Ruhe kommen. (Bild: © iconimage - fotolia.com)

Einen Ausflug mit der Familie ans Meer machen. Einfach mal zur Ruhe kommen. (Bild: © iconimage – fotolia.com)


Kennt sich da noch jemand aus?

Loslassen, entspannen, zur Ruhe kommen – gelingt das eventuell noch nicht so richtig? Oder gibt es doch so etwas wie die persönliche „Berufung“? Wahrscheinlich sind beide Sichtweisen berechtigt.

Wenn es uns schwerfällt, Abstand von unserer Betriebsamkeit zu gewinnen und die Gedanken um die Arbeit kreisen. Wenn unsere Perspektive enger wird, der Kopf immer schwerer wird und wir in unserem Umfeld Widerstand erleben. Dann könnte es schon sinnvoll sein, sich zusammenzureissen und eine Auszeit zu nehmen, die ihren Namen auch verdient – ohne sich ein Schlupfloch offen zu lassen.

Und wenn wir doch einfach überschäumen. Wenn wir dabei in Schwung kommen und instinktiv fühlen, dass wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Wenn wir daraus Lebenskraft schöpfen und uns lebendig fühlen. Dann sollte es heissen: keine Kraft verschleudern mit Konzepten, die uns behindern und kaum zu mehr geeignet sind, als uns besserwisserisch zu bevormunden.

Da ist es kein Wunder, wenn der Artist mit der Balancierstange bekümmert das Seil verlässt. Er weiss nicht mehr, was vorgeht, während sein Auge auf die putzmunter umhersegelnden Alpendohlen fällt.

Gekonnt und elegant gleiten sie durch die Luft. Als wäre das Bild gemalt.

Sie streiten und rangeln um einige Brotkrümel und fliegen ganz unbeschwert über den Grat „zwischen“ den Schluchten. Für sie scheint er keine Bedeutung zu haben.

Tun, was zu tun ist

Der Diskurs um die Work-Life-Balance wird schon länger geführt. Der Autor Thomas Vašek bringt es unmissverständlich zum Ausdruck: „Die Trennung von Arbeit und Leben ist Bullshit.“ Roger Koplenig hingegen legt uns eine „Performance-Rest-Balance“ ans Herz – also darauf zu achten, dass wir unser Engagement vernünftig dosieren.

Viele der neueren Ansätze haben eins gemeinsam: Sie verschieben den Fokus. Wer die Balance „zwischen“ Arbeit und Leben zu halten versucht, wird in beidem Schiffbruch erleiden.



Ein Weg ist ein Weg ist ein Weg. Natürlich werden rechts und links und mittendrin Aufgaben zu bewältigen sein. Da beisst die Maus keinen Faden ab.

Wege erschliessen sich erst im Gehen.
Und nicht im Balancieren.

 

Oberstes Bild: © Andrey_Popov – shutterstock.com

Über Michael A. Defranceschi

beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit dem Themenbereich „Mensch und Leistung“, seit 2005 als selbständiger Trainer, Berater und Coach.
Als nach internationalem Standard zertifizierter Business Coach und Business Trainer ist er Mitglied der Expertsgroup Wirtschaftstraining & Coaching.

Der von ihm entwickelte softwarebasierte Beratungsansatz Quod.X® - Fact Based Company Coaching zeichnet sich aus durch hohe Effizienz bei minimalem Zeitaufwand und bewährt sich insbesondere in der Teamentwicklung im Dienstleistungsbereich.


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