Was verhindert die Fortsetzung der VW-Erfolgsgeschichte? – Teil 4

17.11.2014 |  Von  |  Allgemein, Marketing, Produkte
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Was verhindert die Fortsetzung der VW-Erfolgsgeschichte? – Teil 4
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Bedeutsame Entscheidungen, auch was den Marktstart von neu entwickelten Modellen betrifft, der eigentlich in den Kompetenzbereich der entsprechenden Markenchefs fällt, werden nicht selten von dem Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn massiv beeinflusst.

So hat Winterkorn, als bei Audi die Konkurrenzfähigkeit aufgrund technischer Versäumnisse merklich nachliess – was damals übrigens sogar den Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piëch zu einigen kritischen Kommentaren veranlasste –, einen seiner engsten Vertrauten und erfolgreichsten Entwickler in Wolfsburg, Ulrich Hackenberg, nach Ingolstadt beordert, ohne Rupert Stadler, den Audi-Chef, auch nur zu fragen.


Dies ist ein Bericht in vier Teilen:

Was verhindert die Fortsetzung der VW-Erfolgsgeschichte? – Teil 1

Was verhindert die Fortsetzung der VW-Erfolgsgeschichte? – Teil 2

Was verhindert die Fortsetzung der VW-Erfolgsgeschichte? – Teil 3

Was verhindert die Fortsetzung der VW-Erfolgsgeschichte? – Teil 4


Hackenberg sollte Audi ein neues Outfit verpassen und dafür sorgen, dass die Marke dem Audi-Slogan „Vorsprung durch Technik“ wieder gerecht wird. Der eigentliche Markenchef wurde auf diese Weise schlichtweg übergangen, obwohl er für eine wichtige Einnahmequelle des Konzerns verantwortlich zeichnete. Relativ sicher vor solchen Einmischungen können sich eigentlich nur Winfried Vahland, der Skoda-Chef, und der Porsche-Vorsitzende Matthias Müller fühlen.

Bei VW kann sich mittlerweile keiner mehr auf seiner angestammten Konzernposition gesichert fühlen. Erster Paukenschlag war die Verabschiedung von Michael Macht, dem Produktionsleiter, der, nachdem er zuvor schon seinen Zuständigkeitsbereich, die Region Lateinamerika, abgeben musste, im August 2014 seinen Hut nahm, nachdem die Konzernspitze das Sparprogramm verkündet hatte. Seitdem ist der Posten vakant. Momentan steht es nicht allzu gut um den Chef des Produktmanagements Gerhard Wolpert, der diese Position seit 2010 bekleidet.

Als Teamchef ist er der Hauptverantwortliche für die Modellstrategie des Konzern, das heisst, er hat die Aufgabe, die Konkurrenz der Konzernmarken untereinander zu vermeiden, weiterhin soll er für das optimale Produkt-Placement sorgen, indem er die neuen Modelle zum bestmöglichen Zeitpunkt in der idealen Version auf den Markt bringt, und last, but not least ist er dafür verantwortlich, dass sich die Markteinführung vor allem finanziell rechnet. Laut Konzernchef Winterkorn hat Wolpert mehrere Chancen vertan. Ein weiterer Wackelkandidat ist Anders Nielsen, der Chef von MAN. Sein Vertrag läuft noch bis Sommer 2015 und wird danach – wie man aus gut unterrichteten Kreisen hört – nicht verlängert.


Martin Winterkorn auf einem Elektrorad-Prototyp, Auto Shanghai 2011. (Bild: © Bertel Schmitt / Wiki / Lizenz: <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/legalcode" target="_blank">CC 3.0</a>)

Martin Winterkorn auf einem Elektrorad-Prototyp, Auto Shanghai 2011. (Bild: © Bertel Schmitt / Wiki / Lizenz: CC 3.0)


Diese Eingriffe des Vorstandsvorsitzenden wirken sich in der Regel negativ auf die Erfolgsaussichten globaler Strategien aus. Perspektivische Diskussionen, was die zukünftige Personalplanung angeht, lehnt Winterkorn ab, allenfalls das Erörtern von Einzelfragen lässt er zu. Allerdings ist er sich durchaus bewusst, dass VW kürzere Entscheidungswege und von einem breiteren Konsens getragene Entscheidungen in wichtigen Fragen braucht. So macht er sich zum Beispiel für eine genauere und zügigere Abstimmung der Konzernentscheidungen zwischen den Regionalverantwortlichen in Südostasien, den USA und Lateinamerika und der Konzernzentrale stark. Die ist auch dringend erforderlich, damit der Konzern unmittelbarer und effektiver auf sich verändernde Marktbedingungen reagieren kann.

Besonders deutlich werden die Defizite am Beispiel der USA. Nach der Errichtung eines Betriebes für die Passat-Produktion in Chattanooga geschah erst mal nichts mehr. Und das für den Zeitraum von drei Jahren! Nun hat man sich entschlossen, das ursprünglich für 2018 geplante Ziel, 800’000 Automobilverkäufe, wiederzubeleben, indem man einen sogenannten Steuerzirkel ins Leben gerufen hat, der für die Region – bei den USA handelt es sich um den zweitwichtigsten Automobilmarkt auf der Welt – eine gezielte Strategie entwickeln soll.

Nach ausgiebigen Diskussionsrunden hat man sich endlich dazu durchgerungen, für den US-Markt eine XXL-Version des Touareg herzustellen, ein Vorhaben, das man bislang immer wieder verschoben hat. In Chattanooga will man zudem ein Entwicklungs- und Produktionszentrum errichten, mit dem man den US-amerikanischen Markt speziell in Hinblick auf geeignete Kfz-Modelle analysieren will, die auf Dauer ernsthaft konkurrenzfähig sind. Dabei hat man sich an der vergleichbaren Organisation orientiert, die auf dem chinesischen Markt satte Gewinne ermöglicht hat.

Falls die Pläne scheitern sollten, wäre die Übernahme von Chrysler eine mögliche Option. Der Vorteil der Chrysler-Option wäre ein bereits existierendes, prächtig funktionierendes Vertriebsnetz, die Möglichkeit der Orientierung an den sich gut verkaufenden Chrysler-Geländewagen und die Nutzung des Know-how der amerikanischen Manager in Bezug auf ihren heimatlichen Markt. Scheitern könnte diese Option am Geld, da man munkelt, dass die Familie Agnelli und Fiat-Chef Marchionne horrende Summen für eine Übernahme durch VW verlangen.

Zunächst sind die Fusionsgespräche – wahrscheinlich aus diesem Grund – ins Stocken geraten. Wie man hört, favorisiert Sergio Marchionne inzwischen Übernahmeverhandlungen mit General Motors. Da bei einer möglichen Fusion mit Chrysler bei VW auch der Betriebsrat ein Mitspracherecht hat, gestalten sich Übernahmespräche ohnehin schwierig. Der Betriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh befürchtet nämlich im Falle einer Übernahme nicht ohne Berechtigung die dann wirtschaftlich wohl notwendige Schliessung des ein oder anderen Fiat-Werkes.

Ein Marktanteil von mindestens zehn Prozent, das ist die Conditio sine qua non, will VW auf dem US-Markt reüssieren. Darüber sind sich auch Winterkorn und Piëch im Klaren. Ohne die Übernahme von Chrysler ist das aber reine Utopie. So versuchen Aufsichtsrats- und Vorstandsvorsitzender die Sanierung des Konzerns mit Bordmitteln voranzutreiben. Doch die Zeit drängt – für beide. Piëchs Aufsichtsratsvorsitz endet 2017, Winterkorn bleibt bis – spätestens – 2018 Vorstandsvorsitzender. So lange wird sich an der Dominanz der beiden „grossen alten Herren“ in der VW-Konzernführung wohl nichts ändern. Beide waren für die Erfolgsgeschichte von Audi verantwortlich, beide wollen auch VW für die Zukunft optimal aufstellen, um das grosse Ziel zu erreichen: der führende Automobilhersteller auf dem Weltmarkt zu werden.

 

Oberstes Bild: © L.Kenzel / Wiki / Lizenz: GNU

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