Fachkräftemangel: Wieso in die Ferne schweifen

29.10.2014 |  Von  |  Allgemein
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Fachkräftemangel: Wieso in die Ferne schweifen
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Das Beispiel könnte Schule machen. Muss es eigentlich sogar, um dem gegenwärtigen und vor allem zukünftigen Fachkräftemangel in der Schweiz zumindest ein wenig den Wind aus den Segeln zu nehmen. Bereits seit Jahren reaktiviert der Autozulieferer Feintool schon längst pensionierte ehemalige Mitarbeiter, damit diese Fachkräfte mit ihrem Know-how und Erfahrungsschatz jüngeren und unerfahrenen Kollegen bei der Realisierung neuer Projekte beratend zur Seite stehen.

Diese Massnahme von Feintool ist bei Swissmem, dem Dachverband der Metall-, Maschinen- und Elektroindustrie, genau beobachtet und für quasi massentauglich beurteilt worden. Innerhalb einer eigens ausgearbeiteten Fachkräftestrategie, die im September der Schweizer Öffentlichkeit im Rahmen einer entsprechenden Kampagne vorgestellt wurde, hat Verbandspräsident Hans Hess explizit betont, dass das inländische Arbeitskräftepotenzial viel besser genutzt werden müsse. Und – siehe Feintool – dabei sei vor allem das Hauptaugenmerk darauf zu legen, dass ehemalige Mitarbeiter als Berater geworben und ältere Arbeitnehmer länger im betrieblichen Arbeitsprozess gehalten werden.



Verband Swissmem wirbt massiv für die Reaktivierung älterer Fachkräfte

Swissmem hat bereits kurz nach Vorstellung der Fachkräftestrategie den Worten Taten folgen lassen. So wird zurzeit im Kanton Aargau mittels einer umfangreichen Plakataktion auf den voranschreitenden Fachkräftemangel und das brach liegende Potenzial im Hinblick auf die älteren Arbeitnehmer sowie Pensionäre hingewiesen. Der sinnige Slogan „Qualifikation zählt, nicht das Alter“ ist sowohl als Weckruf wie auch als Aufforderung zu verstehen.

Die Frage muss hier aber gestattet sein, warum es einer solchen Kampagne überhaupt bedarf. Das ist alleine schon äusserst erstaunlich, da es bereits eine ganze Weile bekannt ist, dass die zukünftigen Auswirkungen des demografischen Wandels auch in der Schweiz einer tickenden Zeitbombe gleichkommen. Treffen nämlich die diesbezüglichen Prognosen und Berechnungen ein, werden der Alpenrepublik im Jahr 2030 über 400’000 Arbeitskräfte fehlen; vor allem die Industrie wird hier vor grosse Probleme gestellt. Swissmem hat diesbezüglich schon mehrere Positionspapiere vorgestellt, die sich mit zukünftigen Problemen dieser Art befassen.

Diese Problematik wurde zudem am 9. Februar 2014 zusätzlich verkompliziert. Als an diesem Tag das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative feststand, wurde den hiesigen Unternehmen die Option beschnitten, vakante Stellen mit ausländischen Fachkräften zu besetzen. Das in Lyss ansässige Industrieunternehmen Feintool hat damals prompt auf die neu eingetretene Situation reagiert und mit der Reaktivierung ehemaliger Mitarbeiter begonnen. Viele von ihnen arbeiten jetzt rund zwei Tage in der Woche, ausgestattet mit einem Beratermandat, für das Lysser Unternehmen.



Im Grunde genommen hat die Firma hier eine Win-win-Situation generiert. Einerseits können das Unternehmen selbst sowie die jüngeren Mitarbeiter von dem Know-how, der Erfahrung und auch dem Engagement der Ehemaligen profitieren. Auf der anderen Seite erfahren aber eben auch die Ehemaligen eine ganz neue Art der Wertschätzung, die einen positiven Faktor für ein zufriedenes Altern darstellt.



Noch haben Ältere keine sonderlich guten Chancen auf dem Schweizer Arbeitsmarkt

Allerdings muss trotz der offenkundigen Problematik im Hinblick auf den Fachkräftemangel diesbezüglich immer noch reichlich Überzeugungsarbeit geleistet werden. Dessen ist sich auch Swissmem bewusst. Mit Aktionen wie im Kanton Aargau will der Verband jetzt Flagge zeigen und den Unternehmen das Einstellen respektive die Weiterbeschäftigung älterer Mitarbeiter schmackhaft machen. Denn: Noch immer ist es bei schweizerischen Unternehmen eher die Ausnahme, dass ein Arbeitnehmer über seine Pensionierung hinaus weiterarbeitet.

Überhaupt haben ältere Erwerbstätige nicht unbedingt die besten Karten auf dem Arbeitsmarkt. Laut einer entsprechenden Studie des kantonalen Züricher Amts für Wirtschaft und Arbeit sind Frauen und Männer, die über 50 Jahre alt sind, bei einem Jobverlust insgesamt zwischen 200 und 300 Tage als arbeitslos registriert. Jüngere Jobsuchende können demgegenüber bereits nach etwa 130 bis 200 Tagen eine neue Arbeitsstelle vorweisen.

Als Argument für die Nichtberücksichtigung Älterer bei Einstellungen werden dabei oftmals die höheren Kosten angeführt. Der Vorschlag des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes, den zusätzlich in die Pensionskasse abzuführenden Betrag für einen über 50-Jährigen direkt vom ausbezahlten Lohn abzuziehen, ist sicherlich ein erster, zumindest diskussionswürdiger Verbesserungsansatz, zumal diese Vorgehensweise einem Arbeitnehmer auch transparent dargestellt werden könnte. Die Gewerkschaft Travailsuisse sieht dies indes völlig anders. Sie mahnt, dass dies an eine Zwei-Klassen-Arbeitnehmerschaft erinnere. Bisherige Beschäftigte erhielten quasi das volle Paket, während neue Mitarbeiter auf einen Teil verzichten müssten, heisst es diesbezüglich aus der Gewerkschaftszentrale in Bern.

Neben den höheren Löhnen spielen auch Vorurteile gegenüber älteren Arbeitnehmern eine entscheidende Rolle. (Bild: Eldad Carin / Shutterstock.com)

Neben den höheren Löhnen spielen auch Vorurteile gegenüber älteren Arbeitnehmern eine entscheidende Rolle. (Bild: Eldad Carin / Shutterstock.com)




Hausgemachtes Problem: Zu viele Vorurteile gegenüber älteren Arbeitnehmern

Neben den höheren Löhnen spielen auch Vorurteile gegenüber älteren Arbeitnehmern eine entscheidende Rolle im Hinblick auf die nicht mehr zu ignorierende Altersarbeitslosigkeit. Ältere Arbeitskräfte werden von vielen Personalverantwortlichen in den Schweizer Firmen tendenziell als undynamisch und unflexibel eingeschätzt, moniert zum Beispiel Ruth Derrer Balladore vom Schweizerischen Arbeitgeberverband. Diese Meinung sei aber eine Farce, da sich jede Situation anders darstelle. So gebe es über 50-Jährige, die glatt wie 20-Jährige seien, und andererseits 20-Jährige, die wie 50-Jährige seien.

Bei Feintool kann man über diese Diskussionen nur schmunzeln. Dort wird bereits seit geraumer Zeit ein beachtlicher Mehrwert durch die beratenden Tätigkeiten der Mitarbeiter im Pensionsalter erzielt. Inzwischen fragt das Feintool-Management viele Fachkräfte bereits Jahre vor der Pensionierung, ob sie nicht auch über die Pensionierung hinaus im Unternehmen verbleiben bzw. arbeiten möchten.



 

Oberstes Bild: © Paulius Stepusaitis – Shutterstock.com


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