Finanzplätze: London läuft Zürich, Genf & Co. den Rang ab

22.09.2014 |  Von  |  Finanzen
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Finanzplätze: London läuft Zürich, Genf & Co. den Rang ab
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Klischees gibt es viele. Sie werden auch immer wieder gerne bemüht. Wenn die Schweiz im Ausland zur Sprache kommt, kann quasi darauf gewettet werden, dass die Begriffe Berge und vor allem Käse mit der Alpenrepublik assoziiert werden. Es überrascht auch nicht wirklich, dass als drittes Klischee unweigerlich die Schweizer Banken auftauchen. Schliesslich ist der Finanzsektor tatsächlich für die Schweiz nicht nur ein Aushängeschild, sondern auch von herausragender Bedeutung für die eidgenössische Wertschöpfung.

Ende 2012 arbeiteten bereits rund 215’000 Vollzeitbeschäftigte in Banken, Versicherungsunternehmen und anderweitigen Finanzinstitutionen. Als die wichtigsten Finanzplätze in der Schweiz gelten Zürich und Genf; im Laufe der Zeit haben nunmehr auch Basel und Tessin an Bedeutung gewonnen. Eigentlich beste Voraussetzungen für Finanzdienstleister. Doch: Die Realität sieht anders aus. Gerade die Schweizer Jungfirmen, die in der Finanzbranche tätig sind, haben einen neuen Ort der Begierde entdeckt: London.



Der Zugang zum gesamten EU-Raum geniesst für Finanzdienstleister Priorität

Dass die noch jungen Finanzdienstleistungsunternehmen Zürich, Genf & Co. den Rücken kehren, hat vielschichtige Gründe. Im Vordergrund steht aber erst einmal die Tatsache, dass der Finanzplatz London den Zugang zu potenziellen Kunden im gesamten EU-Raum ermöglicht. Dank der damit verbundenen europäischen Regulierung können die Schweizer Firmen denn auch weiterhin in vollem Umfang europäische Kunden betreuen und auch Neugelder akquirieren.

Dies kann durchaus als unschätzbarer Vorteil gewertet werden. Dabei rückt in erster Linie der europäische Pass in den Fokus. So können sich zum Beispiel Schweizer Vermögensberater-Firmen der britischen Bankenaufsicht unterstellen und Personal aus den jeweiligen EU-Mitgliedsstaaten rekrutieren respektive einstellen. Und dann können diese direkt in ihren Herkunftsländern, also quasi vor Ort, neue und auch bestehende Kunden entsprechend beraten.

Schweizer Finanzbranche trauert immer noch den „alten Zeiten“ nach



Also ist es genau dieser nicht limitierte Zugang zum europäischen Markt, der für die Finanzbranche in der Schweiz enorm an Bedeutung gewonnen hat. Schliesslich ist es inzwischen ein offenes Geheimnis, dass Schweizer Banken bei der Vergabe von Aufträgen rund um die Betreuung und Verwaltung grosser Vermögen das Nachsehen hatten, da sie keinen EU-Sitz nachweisen konnten. Obwohl am Standort London ein wahrlich rauer Wind weht, entscheiden sich aufgrund der Vorteile immer mehr Schweizer Start-ups oder zumindest noch unverbrauchte Unternehmen dafür, zumindest einen Ableger in der Stadt an der Themse zu gründen.

Die alteingesessenen Grossbanker aus der Schweiz müssen quasi erst wieder lernen, wie in der heutigen globalen und digitalisierten Welt Geld zu verdienen ist. (Bild: Ullrich / Shutterstock.com)

Die alteingesessenen Grossbanker aus der Schweiz müssen quasi erst wieder lernen, wie in der heutigen globalen und digitalisierten Welt Geld zu verdienen ist. (Bild: Ullrich / Shutterstock.com)

Für Branchenkenner und Insider ist es dabei keineswegs verwunderlich, dass in erster Linie die jungen Unternehmen den Finanzplatz London vorziehen. Der Tenor: Sie sind noch nicht verwöhnt von den altehrwürdigen Zeiten in der Schweiz, Stichwort Bankengeheimnis, als die Finanzbranche vergleichsweise leicht Geschäfte mit unversteuerten Geldern realisieren konnte. Die alteingesessenen Grossbanker aus der Schweiz müssen quasi erst wieder lernen, wie in der heutigen globalen und digitalisierten Welt Geld zu verdienen ist. Es scheint so, als wenn im eidgenössischen Finanzsektor die ganz grosse Lethargie Einzug gehalten hätte. Nicht umsonst schreiben zahlreiche Banken rote Zahlen. Bezeichnend: Gerade Investmentbanker und Mitarbeiter in der Vermögensberatung und -verwaltung rechnen mit einer eher schlechten Arbeitsmarktsituation.



Liechtenstein als leuchtendes Beispiel für neue Geschäftsmodelle



Die Schweizer Banker üben sich neuerdings mehr in Lamentos über mangelnde politische Unterstützung, als selbst die Initiative zu ergreifen. Dabei macht es selbst das kleine Fürstentum Liechtenstein vor, wie das Schiff wieder in die richtige Richtung gelenkt werden kann. Das Akquirieren neuer Kunden und neuer Gelder funktioniert dort prächtig. Zur Erinnerung: Noch vor der Schweiz landete Liechtenstein wegen seines Schwarzgeldmodells am Pranger der Weltöffentlichkeit. Die wichtigsten Kräfte der dortigen Finanzwelt nahmen aber sofort die Zügel in die Hand und realisierten neue, zeitgemässe Geschäftsmodelle.

Anfang September adelte dann auch der bei der OECD für Steuerfragen zuständige Pascal Saint-Amans die Liechtensteiner Vorgehensweise und gestand dem Fürstentum eine Vorreiterrolle bei der Abkehr von Geschäften mit Schwarzgeld zu. In der Schweiz fehlt es derweil oftmals noch an eigenem Antrieb, Alternativen zum bisherigen Business zu generieren. Mit wahrlich einschneidenden Konsequenzen. Laut einer Studie der Beratungsgesellschaft PwC muss damit gerechnet werden, dass bis zu 40 Schweizer Privatbanken den Laden quasi dichtmachen müssen.

2015 will die Schweizer Finanzbranche wieder in die Offensive gehen

Im Jahr 2015 soll die von der einstigen Milchkuh zum Mühlstein mutierte Vermögensverwaltung aber auch in der Schweiz wieder ein grandioses Comeback feiern. Die Bankiervereinigung (SBVg) will bis dahin einen Masterplan vorlegen, der die Finanzplätze in der Schweiz fit für das Asset-Management machen soll. Dabei sollen konkrete Initiativen vorgestellt werden. Dies muss aber mehr oder weniger lediglich als Geburtshilfe verstanden werden, das eigentliche Erschaffen eines Asset-Management-Clusters liegt einzig und allein in den Händen der Finanzbranche.

Bis dahin aber wird London wohl das Mass aller Dinge gerade für die neu aufgestellten Finanzunternehmen in der Schweiz bleiben. Die Stadt respektive der Finanzplatz wirkt momentan geradezu wie ein überdimensionierter Magnet auf die aufstrebenden helvetischen Finanzfirmen. Bange machen aber gelte nicht, versucht Thomas Sutter von der SBVg, verlorenes Selbstvertrauen zu reanimieren. London sei zwar ohne Frage ein starker Konkurrent, aber einschüchtern lassen dürfe sich die Schweizer Finanzwelt hiervon auf keinen Fall. Es sei denn, man wolle schon die Waffen strecken, bevor es überhaupt zu einem offenen Schlagabtausch gekommen ist.




 

Oberstes Bild: © isak55 – Shutterstock.com


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