Dem Schweizer Arbeitsmarkt fehlen die entscheidenden Impulse

15.09.2014 |  Von  |  News
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Dem Schweizer Arbeitsmarkt fehlen die entscheidenden Impulse
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Exakt um 1.380 Personen hat sich im Monat August die Zahl der Arbeitslosen erhöht. Eigentlich eine verschwindend geringe Zahl; insgesamt liegt die Arbeitslosenquote nunmehr bei drei %. Diese Veränderungen sind laut Boris Zürcher, dem Leiter der Direktion für Arbeit beim Seco (Staatssekretariat für Wirtschaft), in erster Linie auf saisonale Faktoren zurückzuführen. Viel interessanter für den Schweizer Arbeitsmarkt stellen sich aber die Frühindikatoren dar, die eine erste Prognose über die zukünftige Entwicklung der Arbeitslosenquote respektive des Arbeitsmarktes erlauben.

Dabei fällt insbesondere ein Frühindikator ins Auge, der sich aus zwei prägnanten Faktoren zusammensetzt. So beinhaltet der entsprechende Indikator einerseits das Risiko eines Arbeitnehmers, seinen Arbeitsplatz zu verlieren, und auf der anderen Seite die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit. Zürcher spricht in diesem Zusammenhang von einer ganz speziellen Situation am Arbeitsmarkt, die es in dieser Form im letzten Vierteljahrhundert in der Schweiz nicht gegeben habe.

Arbeitslosenquote wird von saisonalen Gegebenheiten beeinflusst 

Dass die Arbeitslosenzahl in bestimmten Monaten – zu denen auch der August zählt – steigt oder auch sinkt, ist inzwischen hinlänglich bekannt und von den entsprechenden Gremien analysiert worden. So ist es im August zum Beispiel stets üblich, dass bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) mehr Jugendliche und Heranwachsende von 15 bis 24 Jahren arbeitslos gemeldet waren. Dies liegt vornehmlich in der Tatsache begründet, dass viele dieser Jugendlichen sich immer noch um eine entsprechende Ausbildung bewerben und noch keine passende Lehrstelle gefunden haben. Traditionell wird daher die Zahl der arbeitslos gemeldeten Jugendlichen im September, spätestens aber im Oktober, wieder deutlich sinken, da die meisten betroffenen Jugendlichen bis dahin fündig geworden sind.

Ein ähnliches Bild bietet sich im Bereich Handel und Verkauf. Auch hier musste ein Anstieg der Arbeitslosenquote hingenommen werden; insgesamt 618 Personen meldeten sich hier zusätzlich arbeitslos. Auch diese Zahl werde sich spätestens im Oktober wieder auf normalem Niveau einpendeln, erläutert Zürcher entspannt. Das Steigen der Arbeitslosenzahlen hängt diesbezüglich mit dem unterdurchschnittlichen Bedarf des eidgenössischen Detailhandels zusammen, der in den Ferienmonaten regelmässig absackt. Insgesamt sind in der Schweiz aber immer noch weniger als 130.000 Personen bei den Regionalen Arbeitslosenvermittlungszentren arbeitslos gemeldet. Im Vergleich zu den vorherrschenden Verhältnissen in Europa ist dies eine nahezu phänomenal geringe Zahl. Allerdings verweist das Seco diesbezüglich auf die Altersarbeitslosigkeit, die sich langfristig zum grösseren Problem aufschwingen kann.

Mittels Frühindikatoren kann die Entwicklung des Arbeitsmarktes prognostiziert werden

Auch wenn diese Zahlen nicht wirklich bange machen vor der Zukunft und den Entwicklungen rund um den Arbeitsmarkt, so lassen die ermittelten Frühindikatoren doch reichlich Raum, um Tendenzen und Entwicklungen in Bezug auf den Faktor Arbeitslosigkeit zu prognostizieren. Der als Leiter der Forschungsstelle für Industrie- und Arbeitsmarktökonomik an der Basler Uni tätige George Sheldon verweist hier insbesondere auf einen Frühindikator, der unter der Annahme einer nicht veränderten konjunkturellen Entwicklung die wahrscheinliche Entwicklung der Arbeitslosigkeit in den kommenden Monaten in der Schweiz skizziert. Dabei kommen in der Regel immer wieder neue Impulse zum Tragen, die diesen speziellen Frühindikator beeinflussen.

In diesem Jahr bleiben aber ebendiese Impulse weitgehend aus, was laut Sheldon als eine Besonderheit zu bewerten ist. Als Konsequenz aus dieser einmaligen Situation haben sich die beiden massgeblichen Komponenten des Frühindikators quasi gegenläufig entwickelt. Dies führt dazu, dass sich die entsprechenden Effekte gerade aufheben. Denn: Das Risiko, seine Arbeitsstelle zu verlieren und sich arbeitslos melden zu müssen, ist bereits seit Beginn des Jahres 2014 angestiegen. Dieser Umstand führt im Normalfall dann zu einer höheren bereinigten Arbeitslosenquote. Eigentlich. In diesem Fall steht diesem Effekt aber die Tatsache gegenüber, dass die Dauer der Arbeitslosigkeit gegenüber den Vormonaten abgenommen hat. Daher ist es sowohl leichter, einen Arbeitsplatz in der Schweiz zu finden, als ihn auch wieder schneller zu verlieren.

Effekte aus der Ukraine-Krise können auch den Schweizer Arbeitsmarkt beeinflussen

Auch in der nahen Zukunft deutet derzeit nichts auf entscheidende Impulse hin, die den Arbeitsmarkt nachhaltig beeinflussen könnten. Mittelfristig kann es allerdings durch die Ukraine-Krise eventuell wieder einen konjunkturellen Impuls geben. Zwar sind weder die Ukraine noch Russland mit seiner Machtzentrale Moskau wichtige Handelspartner für die Schweiz, dennoch könnten sogenannte Zweitrundeneffekte auch die Arbeitsmarkt-Situation in der Schweiz verändern. Diese Zweitrundeneffekte würden dann in der Form wirken, dass die Schweiz unter den prinzipiellen wirtschaftlichen Eintrübungen in der Europäischen Union leidet.

Die gestiegene Arbeitslosigkeit in der Schweiz beruht also vorwiegend auf strukturellen Gründen, auch wenn die eidgenössische Konjunktur bzw. die Wirtschaft deutlich an Dynamik verloren hat. So fällt hier ins Gewicht, dass ein Protagonist gerade einen neuen Arbeitgeber sucht und deshalb beim RAV gemeldet ist. Oder dass ein Arbeitssuchender über falsche Qualifikationen für bestimmte angebotene Stellen verfügt, sodass er daher keinen neuen Job findet. Die konjunkturelle Situation in der Schweiz spielt demgegenüber keine Rolle im Hinblick auf die gestiegene Arbeitslosenquote.

 

Oberstes Bild: © fotoscool – Shutterstock.com


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