Fachkräftemangel: Frauen sollen die Lösung bringen

08.09.2014 |  Von  |  Organisation
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Fachkräftemangel: Frauen sollen die Lösung bringen
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Seit dem Votum zur Masseneinwanderung befürchten viele Unternehmen noch grössere Schwierigkeiten bei der Mitarbeitersuche. Aus dem Wirtschaftsministerium kommen jetzt konkrete Pläne, das zu ändern. Die Realisierung eines Massnahmenkatalogs im Hinblick auf Steuerreformen, mehr qualifizierte Teilzeitjobs sowie Ganztagesbetreuung für Kinder soll dafür sorgen, dass mehr Frauen in die Firmen kommen.

Dass es der Schweizer Wirtschaft an Fach- und Führungskräften mangelt, ist an sich nichts Neues. Die Fachkräfteinitiative des Bundes und der Kantone gibt es bereits seit dem vergangenen Jahr. Ihre Zielstellung besteht darin, angesichts der demografischen Entwicklung in Europa das Schweizer Potenzial an Fachkräften so optimal wie möglich auszuschöpfen.



Zu den Ansatzpunkten der Initiative gehören neben der Förderung technologischer Innovationen zur Steigerung der Arbeitsproduktivität auch die bedarfsgerechte Qualifikation von Arbeitnehmern, bessere Bedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie für die Beschäftigung älterer Mitarbeiter. Durch das Abstimmungsergebnis zur Masseneinwanderung am 9. Februar 2014 hat die Problematik an Brisanz gewonnen. Im Fokus der Arbeitsmarktpolitik stehen qualifizierte Frauen.

Die beruflichen Potenziale vieler Schweizerinnen bleiben ungenutzt

Die meisten Schweizerinnen sind hervorragend ausgebildet, ihr Potenzial bleibt jedoch in vielen Fällen ungenutzt. Spätestens nach der Familiengründung überwiegen traditionelle Rollen- und Familienbilder, so dass Erwerbsarbeit für viele Frauen nur eine sekundäre Rolle spielt. Für Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann (FDP) ist dieser Zustand angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen nicht mehr tragbar. In den vergangenen Monaten hat das Eidgenössische Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung einen Massnahmenkatalog erarbeitet, der mehr Frauen in die Unternehmen bringen soll.

Durch steuerliche Reformen soll die Berufsarbeit – möglichst auf einer Vollzeitstelle – für Frauen attraktiver werden. Der Bund will sich ausserdem für mehr Tagesschulen und Ganztagskindergärten engagieren und Arbeitgeber darauf verpflichten, mehr Teilzeitstellen anzubieten, die als eine vorwiegend weibliche Domäne gelten. Vertreter von Bund, Kantonen und Sozialpartnern haben auf die Vorschläge bereits positiv reagiert. Im September 2014 will Schneider-Ammann seine Pläne dem Bundesrat auch offiziell präsentieren.



Individualbesteuerung als Erwerbsanreiz für Ehefrauen

Als erste wesentliche Massnahme steht die steuerliche Veranlagung von Ehepaaren auf dem Prüfstand. In der Praxis zahlen viele Ehepaare mit zwei Einkommen höhere Steuern als unverheiratete Paare, was den Anreiz für die Berufsarbeit von Ehefrauen oft beträchtlich senkt. Schneider-Ammann und sein Departement plädieren für den Wechsel zur Individualbesteuerung, also den Abschied von der gemeinsamen Veranlagung von Ehepaaren zugunsten der getrennten Besteuerung der Partner. Finanzministerin Widmer-Schlumpf soll durch den Bundesrat beauftragt werden, diese Option noch einmal neu zu prüfen.

Bemerkenswert ist das insofern, als Widmer-Schlumpf im vergangenen Jahr eine CVP-Initiative befürwortet hatte, die zwar die „Heiratsstrafe“ abschaffen will, jedoch auch eine Individualbesteuerung von Ehepaaren grundsätzlich ablehnt. Wenn über dieses Volksbegehren negativ entschieden würde, wäre für den Bundesrat der Weg für die Entwicklung von Alternativkonzepten frei. Laut einem Papier des Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung rechnen Schneider-Ammann und sein Team offenbar damit, dass dieser Fall in absehbarer Zeit auch eintritt.



Verbesserung der Ganztagsbetreuung für Kinder ab vier Jahren

Auch die externe Kinderbetreuung in der Schweiz soll verbessert werden. Als ersten Schritt dorthin soll es eine Arbeitsgruppe geben, die Finanzierungsmöglichkeiten für eine Erweiterung der Ganztagsbetreuung für Kinder ab vier Jahren prüfen soll. In der Diskussion ist auch eine stärkere Beteiligung des Staates, die beispielsweise über die Ausgabe von Betreuungsgutscheinen erfolgen könnte.

Die Kantone will Schneider-Ammann dazu anhalten, sich noch stärker als im interkantonalen HarmoS-Konkordat auf geeignete Betreuungsangebote zu verpflichten und ein Monitoring zur Kontrolle einzuführen. Ausserdem soll der Einsatz von Zivildienstleistungen in Kinderkrippen und Horten erweitert werden. Zivis leisten in diesem Bereich bereits jetzt rund 80’000 Diensttage pro Jahr. Aus Sicht des Bundes könnte dieser Leistungsumfang vergrössert werden, was die Kosten der neuen „Tagesstrukturen“ spürbar senken würde.





Förderung von Frauen und älteren Arbeitnehmern durch die Unternehmen. (Bild: Jeanette Dietl / Shutterstock.com)

Förderung von Frauen und älteren Arbeitnehmern durch die Unternehmen. (Bild: Jeanette Dietl / Shutterstock.com)

Förderung von Frauen und älteren Arbeitnehmern durch die Unternehmen

Nicht nur den Bund und die Kantone, sondern auch die Arbeitgeber sieht Schneider-Ammann in der Pflicht. Sie sollen künftig noch mehr Rücksicht auf die Bedürfnisse von Eltern sowie älteren Arbeitnehmern nehmen. Der Wirtschaftsminister schlägt die Entwicklung einer Charta für familien- und altersfreundliche Arbeitsbedingungen vor, in der die Sozialpartner gemeinsame Ziele definieren. Die Arbeitnehmer sollen auf konkrete Massnahmen zur Förderung der Berufsarbeit von Frauen und älteren Arbeitnehmern verpflichtet werden. Eine Möglichkeit dazu wäre, die Rückkehr von Müttern in die Arbeitswelt mit mehr qualifizierten Teilzeitstellen zu unterstützen. Allerdings schränkt das Departement ein, dass es in diesen Bereichen wohl keine raschen Ergebnisse geben werde, da der „gewünschte Kulturwandel“ längere Zeiträume erfordere.

Politische Unterstützung, jedoch Zündstoff im Detail

Mit den Vorschlägen zur besseren Integration von Frauen und älteren Arbeitnehmern baut Schneider-Ammann politischen Druck auf, um seine Initiative umzusetzen. Unterstützung dafür ist auf recht breiter Front vorhanden, wie sich Ende August auch während der Von-Wattenwyl-Gespräche zeigte, in deren Rahmen sich die Regierungsparteien regelmässig zu politischen Strategiedebatten treffen.

Im Detail dürften die Vorschläge des Wirtschaftsministers allerdings noch beträchtlichen politischen Zündstoff bergen. Für CVP und SVP ist die Individualbesteuerung bisher ein No-go. Die Liberalen werden sehr wahrscheinlich ein höheres staatliches Engagement bei der Kinderbetreuung monieren – sie setzen hier stattdessen auf weniger Bürokratie und Steuererleichterungen. Und in den Unternehmen existieren – auch abgesehen von der Charakteristik von Teilzeitstellen als Karrierefalle – sehr oft Vorbehalte gegenüber der Förderung von Frauen.



 

Oberstes Bild: © racorn – Shutterstock.com


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