Entschuldigung, wo geht es hier zum Chef?

11.03.2014 |  Von  |  Organisation, Selbstmanagement
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Entschuldigung, wo geht es hier zum Chef?
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Während in Familienunternehmen und Kleinbetrieben der Chef des Ganzen meist einfach zu finden ist, gestaltet sich die Suche nach den Führungsspitzen in mittleren und grossen Unternehmen schon eher schwierig. Dabei sollte doch der direkte Draht vom Management in die produktiven Bereiche längst zum normalen Bestandteil einer modernen Unternehmenskultur geworden sein.

Warum sich Vorgesetzte gern verstecken und wie dieser Zustand zu ändern ist, möchte ich hier aufzeigen. Dabei kommt es mir besonders darauf an, Strukturen nach Ihrer Wechselwirkung zu beleuchten.



Verworrene Hierarchie mit wechselnden Ansprechpartnern

„Guten Tag! Können Sie mir vielleicht sagen, wo es hier zum Abteilungsleiter für Marketing geht?“, fragt mich neulich ein Mann mittleren Alters in der Arbeitskluft eines Druckers in einer Grossdruckerei. Antworten kann ich nur mit einem Schulterzucken. Ich selbst gehöre nicht zum Unternehmen, suche aber meinerseits nach dem Personalchef, mit dem ich heute einen Beratungstermin habe. Zwar gibt es im recht grossen Komplex ein Hinweisschild mit der Aufschrift „Verwaltung“, weiter komme ich damit aber nicht.

Seit fünfzehn Minuten schon irre ich durch den Betrieb, selbst der Pförtner konnte mir nicht so richtig beschreiben, wo ich den Personalchef finde. Dabei müsste doch auch der irgendwann einmal ein Einstellungsgespräch gehabt haben. Mehrmaliges Nachfragen in der Druckhalle und in einzelnen Büros der Verwaltung hat mich sicherlich weiter, aber noch nicht ans Ziel gebracht. Nach weiteren gefühlten zwei Kilometern Suche dann die Erleuchtung. Ein kleines Schild an einer der ewig gleich aussehenden Bürotüren eröffnet mir die Personalabteilung. Jetzt allerdings bin ich erst im Vorzimmer 1, werde aber schon sehr genau nach meinem Namen, Anliegen und Termin gefragt. Weiter geht’s ins Vorzimmer 2, hier ist zwar die Sekretärin freundlicher, aber die Fragen werden noch bohrender. So will sie doch tatsächlich wissen, warum ich gerade heute mit dem Personalchef reden will. „Weil ich einen Termin habe!“

Nach weiteren 15 Minuten sitze ich dann endlich dem Leiter der Personalabteilung gegenüber. „Sie sind aber schwer zu finden“, muss es aus mir heraus. Die Antwort fiel ebenso lapidar wie typisch aus: „Mich muss ja auch nicht jeder finden!“



Eine eigenartige Aussage, die mich auch an den suchenden Arbeiter im Flur erinnert. Warum verstecken sich die Verantwortlichen so akribisch vor ihren Mitarbeitern und Besuchern? Die Antwort liegt auf der Hand. Sie wollen möglichst viel Ruhe haben. Ruhe vor den Beschäftigten, Ruhe zum strategischen Planen, vielleicht auch einfach Ruhe vor sich selbst. Beste Voraussetzung dazu sind verworrene Hierarchien mit ständig wechselnden Ansprechpartnern, die möglichst immer nur ein fest umrissenes Ressort bearbeiten. Das schafft zwar einen prima langen Geschäftsverteilungsplan, nicht aber die notwendige Entscheidungstransparenz für moderne Unternehmen.



Leiter gehören zu ihren Unterstellten

Was wären Leiter ohne Leitungsverantwortung und Unterstellte? Überflüssig und verzichtbarer, aber teurer Ballast. Insofern erscheint es erstaunlich, wie viele besonders grössere Unternehmen sich mit einem aufgeblähten und undurchschaubaren Verwaltungsapparat von ihren eigentlichen Beschäftigten abschotten. Von der Deutschen Telekom beispielsweise ist bekannt, dass sich das obere Management quasi wie in einem Hochsicherheitstrakt verbarrikadiert und selbst für Leitungskader des mittleren Managements kaum zu erreichen ist.

Dabei gehören Leiter grundsätzlich immer dorthin, wo ihre Unterstellten sind. Und zwar möglichst unmittelbar. Immer dann, wenn sich Führungspositionen in extra Verwaltungsgebäuden abschotten, verlieren sie den direkten Draht zur Belegschaft und büssen damit ein grosses Stück von Führungspotential ein. Informationswege werden länger, umständlicher und vor allem verworrener. In ein externes Verwaltungsgebäude gehören eigentlich nur noch klare Verwaltungsaufgaben wie beispielsweise das Rechnungswesen oder die Lohnbuchhaltung. Alle anderen Bereiche müssen so miteinander verknüpft sein, dass der direkte Weg vom Unterstellten zum Vorgesetzten immer möglich ist. Und das im Bedarfsfall auch über Hierarchieebenen hinweg.

Wo bitte schön soll sich der Arbeiter über eine wichtige Detailfrage informieren, wenn er seinen Vorgesetzten im Nachbargebäude erst suchen muss. Eventuell müssen dann Maschinen oder ganze Bänder erst angehalten werden, weil ein Arbeiter seinen Vorgesetzten suchen, finden und gesprächsbereit haben muss, um eine Frage zu klären, die sich im Meisterbüro in der Produktionshalle auch hätte lösen lassen. Was tut ein Beschäftigter, der mit der Auskunft seines direkten Vorgesetzten nicht einverstanden ist? Er geht zu dessen Vorgesetzten, sofern er diesen findet und man ihn zu diesem auch vorlässt. Überladene Hierarchien und in sich abgeschottete Führungsetagen sind Gift für jedes moderne Unternehmen.





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Für Unternehmen, die jetzt noch in verkrusteten hierarchischen Strukturen verharren wird es Zeit, Türen und Augen aufzumachen. (Bild: Pavel L Photo and Video / shutterstock.com)

Türen und Augen auf

Für Unternehmen, die jetzt noch in verkrusteten hierarchischen Strukturen verharren wird es Zeit, Türen und Augen aufzumachen. Die Öffnung nach innen und ein direkterer Blick auf die Arbeitswelt eröffnen für Führungsexperten und Manager völlig neue Möglichkeiten einer effizienten Mitarbeiter- und Unternehmensführung. Darüber hinaus wird mit mehr innerer Offenheit auch schnell erkannt, welche Posten und Pöstchen für den Erfolg eines Unternehmens eigentlich überhaupt nicht erforderlich sind.

Dann kann die Personalsäge auch gern einmal in der mittleren und oberen Struktur und nicht immer nur bei den Beschäftigten angesetzt werden. Diese Angst vor dem Sägen am eigenen Stuhl ist es aber auch, die zu undurchsichtigen Strukturen und einem wahren Versteckspiel in vielen Unternehmen führt. Wer mich nicht kennt, geht mir nicht auf die Nerven und kann mich auch nicht entlassen. Auch eine interessante Sichtweise, aber jenseits einer modernen Unternehmenskultur.

Übrigens habe ich den Drucker, der den Abteilungsleiter für Marketing suchte, noch einmal getroffen. Er war nun auf der Suche nach dem Chef des Bereiches Marketingunterstützung, denn mit seinem Anliegen war er wohl eine Hierarchieebene zu weit oben gelandet. Ich durfte Schmunzeln, dem Arbeiter war danach nicht zumute. 



 

Oberstes Bild: © koya979 – shutterstock.com

Über Olaf Hoffmann

Olaf Hoffmann ist der kreative und führende Kopf hinter dem Unternehmen Geradeaus...die Berater.
Neben der Beratertätigkeit für kleine und mittlere Unternehmen und Privatpersonen in Veränderungssituationen ist Olaf Hoffmann aktiv in der Fort- und Weiterbildung im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe.
Als Autor für zahlreiche Blogs und Webauftritte brilliert er mit einer oftmals bestechenden Klarheit oder einer verspielt ironisch bis sarkastischen Ader. Ob Sachtext, Blogbeitrag oder beschreibender Inhalt - die Arbeiten des Autors Olaf Hoffmann bereichern seit 2008 in vielfältigen Formen das deutschsprachige Internet.


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